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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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42t) XIII. Die Astronomie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

tischer Winkel ab; kennt man diese, so bietet die Berechnung derzugehörigen Lineargrößen keine prinzipiellen Schwierigkeiten mehrdar. Um aber sämtliche Entfernungsangaben vergleichbar zn machen,muß man sie in der Normaleinheit ausdrücken, nnd als kos-mische Einheit für Längenmaße wird allgemein die Entfernungder Erde von der Sonne betrachtet, welche selbst wieder durchdie Souuenparallaxe bedingt ist. Diese letztere aufzufinden,muß somit das ernsteste Bestreben der Astronomen sein, und glück-licherweise ist man im Besitze eines unübertrefflichen Verfahrensznr Lösung dieser Aufgabe. Freilich aber kann man an dieselbenicht nach freiem Ermessen herantreten, sondern mau muß geduldigwarten, bis die Natur, in längeren Fristen, die gebildete Mensch-heit znr Mitarbeit auffordert. Als E. Halley 1677 auf der InselSt. Helena Gelegenheit hatte, den Planeten Merkur als dunklenFleck in der Sonuenscheibe zu beobachten, da drängte sich ihmsofort der Gedanke auf, daß Vorübergänge der unterenPlaneten vvr der Sonne eine gute Bestimmung der Parallaxedieser letzteren ermöglichen müßten, nnd gleichzeitig machte er seineNachfolger anch darauf aufmerksam, daß ein Vennsdnrchgaugnoch bessere Dienste als ein Merkurdurchgang leisten werde.Die Folgezeit hat sich diesen Wink nicht umsonst gegeben sein lassen,und als in den dnrch die astronomischen Tafeln angekündigtenJahren 1761 und 1769 je ein solches Ereignis eintrat, da sandtendie europäischen Staaten ihre Beobachter in die entferntesten Länder,um dort Aus- und Eintrittstermin zn fixieren. Keuut man nämlichdie Zeit, welche der Planet, von verschiedenen Erdorten aus gesehen,iit der Sonne zn verweilen scheint, so kann man daraus dieParallaxe herleiteu. Encke hat in zwei Schriften, die 1822 und1824 erschienen, das ganze in jenen beiden Jahren angesammelteMaterial verarbeitet, und ihm folgend setzte 1364 K. N. Powalky(18171881) die gesuchte Winkelgröße, von den Fachleuten ge-meiniglich mit dein griechischen Buchstaben ?r bezeichnet, gleich8,832 Bogenseknnden. Diese Zahl mußte so lange ausreichen, bisdie für die Jahre 1874 und 1832 vorausberechneten Venusdurch-gänge eine Verschärfung der Fundamentalkoustaute herbeiführenwürden. Dies ist denn auch wirklich der Fall gewesen.