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5 (1897) Politische Schriften von 1879 bis 1892
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zu reden Lust hat. Es war vorauszusehen, daß die stilleVerwunderung über die führende Stellung, welche ein Judeim neuen deutschen Parlamentarismus einnahm, früheroder später laut werden und ihren Rückschlag haben mußte,wie es jetzt geschehen ist. Aber nur die größte Oberfläch-lichkeit kann verkennen, daß ein Mann nicht diese Rollein der freien Kunst der Politik so lange behaupten kann,ohne die herrschenden Züge aus dem Geist der Nation insich aufgenommen zu haben.

Man könnte die Philosophie der Geschichte von LaskersLaufbahn nicht schreiben, ohne sich an die Philosophie derjüngsten deutschen Geschichte zu macheu. In den Grund-zügen seines Charakters ist er das Gegenstück zu Heine.Dort das maliziöse und frivole, genießende Weltkind, hierder von etwas unweltlichem Optimismus augehauchte, ernste,im Gerüche der Aseese steheude Idealist. Als es dem großeuRealisten Bismarck gelungen war, die deutsche Politik ausder Welt deutscher Abstraktion auf den konkreten Bodender Macht zu stellen, zog er den idealistischen Drang derNation nach großer Gestaltung uud großen gesetzgeberischenZielen in die Dienste seines gewaltigen Beginnens. Daswar die Blütezeit Laskers, der mit den glänzendsten Waffenjüdischer Dialektik für den deutschen Idealismus eintratund sich wegen dieser seiner, dem Realismus geleisteten,Heerfolge mit dem abstrakten Berliner Radikalismus ent-zweite. Aber im Verlauf der Dinge schieden sich die beidenElemente wieder von einander, und die fortentwickelte Real-politik des Kanzlers kehrte sich gegen seinen idealistischenBundesgenossen, in welchem er die aus dieser Auseinander-setzung sich absondernde Füllesittlicher Entrüstung" alseine auf allen seinen Wegen ihm entgegensprudelnde Quelleunleidlicher Behinderung bekämpfen zu muffen glaubte.Natürlich siegte der Realist, und seine überwältigende Macht