— 257 —
ersten Anlauf siegreichen Stürmen geschädigt zn werden.Die Vernunft würde nach einem ersten Schrecken wiederzur Besinnung und zur Macht kommen. Die, welche mitdem Feuer spielen, haben vielleicht so unrecht nicht, daraufzu rechnen, daß die Mauern zu solide sind, um von denFlammen eines gelegentlich ansbrechenden Feners ernstlichbedroht zu sein. Man mutz dies ihnen schon deshalb zu-trauen, weil man sie sonst ganz und gar nicht begreifenkönnte. Dann aber ist man um so mehr in Verlegenheitzu erklären, warum diese gering angeschlagene Gefahr an-dererseits zum Zielpunkt aller Gegenmatzregeln und dieVerbreitung der sie erzeugenden und ernährenden Ideenzur Aufgabe gemacht wird. Man kann die Lage ruhigdahin znsammenfasfein in friedlichen, normalen Zeiten be-steht für keinen Teil des Deutschen Reiches die Gefahreines sozialrevolutionären Umsturzes, und in Zeiten tief-greifender äußerer Ruhestörung würde auch der ganzeMechanismus des Sozialistengesetzes in Scherben gehen.
Der wahre Schaden, der freilich nicht ans den nächstenMoment hinaus zu berechnen ist, aber dafür auf die Längeder Zeit um so schwerer in Betracht kommt, droht aus derUntergrabung der persönlichen Energie in der großen Breiteder Bevölkerung. Herrschbedürftigein Sinn, der sich imBesitz der Macht befestigt hat, erscheint, so wenig wie seinerZeit der spanischen Inquisition, eine solche moralische undintellektuelle Verarmung wie ein Verlust, vielmehr ganz wieein Gewinn. Lenksamkeit, blindes Vertrauen und blinderGehorsam nicht bloß im Thun, sondern auch im Denkengelten bereits heute als eine erste Bürgertugend. DerMechanisierung des Staats hat die Mechanisierung derGeister meisterhaft vorgearbeitet. Es wagt schon kaumEiner mehr zu fragen, wohin die Reise geht, und wennsich Einer die Frage erlaubt, so erschallt alsbald der Ruf-
Ludwig Vamdl-rgcr-i Ncs, Schriften. V. 17