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Allgemeine Erdkunde : Vorlesungen an der Universität zu Berlin gehalten / von Carl Ritter
Entstehung
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Wasserscheide.

Alle strömenden Wasser haben ihren Anfang von ihrenQuellen, mögen sie unterhalb oder oberhalb der Erdoberflächeliegen; an den Quellen beginnt die Fallthätigkeit, das Fließen.Die Quellen liegen stets auf den relativ höhern Punkte», umnach einer Tiefe abfließen zu können; aber keineswegs auf denrelativ oder absolut höchsten. Den Zusammenhang dieser rela-tiven Quellhöheu bezeichnet man durch die Linie der Wasser-scheide, weil man voraussetzt, daß nach einer entgegengesetztenNeigung dieser Linie die Wasser, wenn sie vorhanden, nach einerentgegengesetzten Neigung abfließen werden (äivortia a^iaiuw).Keineswegs ist diese Linie identisch mit dem Rückgrat der Ge-birgsketten, obwohl sie zuweilen mit ihnen zusammenfallen kann.Die Wasserscheide ist die Anfangslinie alles strömenden Gewässers,das nach entgegengesetzten Abdachungen oder Senkungen seinenLauf beginnt. Jedes Stromsystem hat seine eigene Wasserscheide-umkränznug; mau hat sie auch die Randumfassung seines Ge-senkes genannt. Dies Gesenke, als Einheit gedacht, ist dasStrombecken, das Bassin des Stromgebietes. Der Anfangdieses Strombassins ist das Quellland, der Entspinnungs-bezirk, die Wiege entgegengesetzter Stromgebiete, die in dieserWiege einander oft ganz benachbart ihr erstes Entstehen und ihreerste Entwickelung haben können, während sie weiterhin divergi-rend fortschreiten, und ganz entgegengesetzte Richtungen anzu-nehmen Pflegen, wie Rheiu uud Rhone, Wolga und Dwina. Aufder Wasserscheide der Rocky Mouutains liegen die Ursprünge desMissuri uud des Columbiastromes nur eine Viertelstunde ausein-ander; ihre Mündungen aber gehören dem Atlantischen uudStillen Ocean an, und sind in gerader Linie fast 500 Meilenvon einander entfernt. Die Mongolen verehren die Scheidege-birge, richten Steinhaufen uud Gebetflaggen auf, die Tungusengehen nie an ihnen vorüber, ohne einen Cederzweig auf diese