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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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WIE BEHANDELT MAN WILHELM IL?

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dem Zettel stand:Wilhelm II. nimmt alles persönlich. Nur persönlicheArgumente machen ihm Eindruck. Er will andere belehren, läßt sich aberungern belehren. Er verträgt keine Langeweile; schwerfällige, steife, allzugründliche Menschen gehen ihm auf die Nerven und erreichen nichts beiihm. Wilhelm II. will glänzen und alles selbst machen und entscheiden.Was er selbst machen will, geht leider oft schief aus. Er ist ruhmhebend,ehrgeizig und eifersüchtig. Um einen Gedanken bei ihm durchzusetzen,muß man tun, als ob der Gedanke von ihm käme. Man muß Wilhelm II. alles bequem machen. Er ermutigt andere gern zu forschem Vorgehen,läßt sie aber im Graben liegen, wenn sie dabei hereinfallen. Vergiß niemals,daß S. M. ein Lob hin und wieder braucht. Er gehört zu den Naturen, dieohne eine Anerkennung hin und wieder, aus bedeutendem Munde, miß-mutig werden. Du wirst immer Zugang zu allen Deinen Wünschen haben,wenn Du nicht versäumst, Anerkennung zu äußern, wo S. M. sie verdient. Erist dankbar dafür wie ein gutes, kluges Kind. Bei fortgesetztem Schweigen,wo er Anerkennung verdient, sucht er schließlich Übelwollen. Die Grenze zumSchmeicheln werden wir beide immer genau einhalten." So die letzte Ermah-nung, die Phili an mich richtete, bevor ich die Arena betrat. Eine Mahnung,die für ihn selbst ebenso charakteristisch war wie für seinen hohen Freund.

In Berlin stieg ich am nächsten Tage im Kaiserhof ab. Als ich mich frühzum Friseur begab, um mir nach der staubigen Beise den Kopf waschen Ankunftund die Haare schneiden zu lassen, erkannte ich in dem Herrn, der im Puder- wi Berlin mantel neben mir saß, meinen alten Freund Franz Arenberg. Er warfmir zornige Blicke zu, die sich an diesem Orte und unter seinem weißenMantel sonderbar ausnahmen.Que diable viens-tu faire ici?" begann erauf Französisch, in welche Sprache er aus Kindergewohnheit leicht verfiel,wenn er erregt war.Was zum Teufel suchst du in Berlin ? Du wirst dichhoffentlich hier nicht einfangen lassen, du weißt, daß meine Partei- tief ver-stimmt ist durch den Bücktritt von Marschall, mit dem wir sehr zufriedenwaren, der auch Verständnis für uns hat, er hat eine katholische Mutter. Dugiltst für einen Bismarckianer, auch hast du ja gar keine parlamentarischeErfahrung. Wirst du überhaupt im Parlament sprechen können ? Ich habedich zwar in Metz als Beferendar einen Baubmörder verteidigen hören, dasmachtest du ganz gut. Aber einmal ist das schon vierundzwanzig Jahreher, und dann ist es leichter, einen Baubmörder zu verteidigen, als EugenBichter und August Bebel Bede und Antwort zu stehen."

Die Friseurgehilfen, die uns bedienten, sperrten Mund und Nase auf.Ich beruhigte meinen alten, treuen Freund nach besten Kräften. Ich wiesdarauf hin, daß ich zwar keine kathobsche Mutter, aber dafür eine katho-lische Frau hätte; jedenfalls besäße ich Verständnis für die Gefühle derKatholiken, die Bedeutung und die Bechte der katholischen Kirche und vor