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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE BUDE

würdigen Wendung zu verstehen, er nähme an, daß der Kaiser mich zuseinem Nachfolger ausersehen hätte. Ich bestritt nicht, daß dies wohlmöglich wäre. Aber einmal ändere der hohe Herr nicht selten seine Ab-sichten und Pläne, dann aber könne ich dem Fürsten versichern, daß, wennder Kaiser mich nicht zu seinem Nachfolger wähle, ich gern nach Romzurückginge. Sollte aber der Kaiser an mir als an dem künftigen Kanzlerfesthalten, so wäre ich dankbar für jeden Tag, den der Fürst noch bliebe,und würde alles tun, um sein Bleiben zu erleichtern, denn ich wäre, ganzabgesehen von meiner persönlichen Anhänglichkeit an ihn, überzeugt, daßsein Bleiben im Interesse des Landes läge. Man habe ihn einst zwischen1866 und 1870die lebendige Mainbrücke" genannt. Man könne ihn jetzt,ungeachtet seiner 78 Jahre, im Hinblick auf seine ganze Vergangenheit undseine Persönlichkeit eine Klammer nennen, die das Reich zusammenhalte.Als ich den Fürsten verließ, der mir beim Abschied sagte, wir würden unsAlexander in Kiel auf derHohenzollern " wiedersehen, traf ich im Vorzimmer seinenHohenlohe Sohn Alexander. Der Prinz wäre gern neben seinem Vater in der Rolleaufgetreten, die während der letzten Jahre der Aera Bismarck Graf Herbertgespielt hatte. Es fehlte Alexander Hohenlohe weder an Ehrgeiz noch anBegabung, wohl aber an Kraft und Stetigkeit, auch an festen Grundsätzenund namentlich an festem und unbeirrbarem Patriotismus. Nicht als ob ernicht bestrebt gewesen wäre, seine Schuldigkeit gegenüber dem Lande zutun. Aber der internationale Zug, den so manche deutsche Fürstenhäuser,souveräne wie mediatisierte, zeigen, war in ihm besonders stark ausgeprägt.Für Werki, die litauische Riesenbesitzung, die durch die GroßmutterRadziwill und die Mutter Wittgenstein an das Haus Hohenlohe fallensollte, sofern sich dies mit den russischen, fremdenfeindlichen Gesetzen ver-einbaren Heße, war Alexander Hohenlohe gern bereit, Russe zu werden,und würde als solcher auch ohne Bedenken russischer Diplomat gewordensein. Hatte es doch sein Urgroßvater, der Fürst Ludwig Adolf Peter zuSayn-Wittgenstein, in Rußland zum Generalfeldmarschall gebracht, nichtzu reden von den Dotationen, die ihm zuteil geworden waren. An jenemTage, wo ich mich seinem Vater als designierter Staatssekretär undNachfolger Marschalls vorstellte, suchte der Prinz mich namentlichdavon zu überzeugen, daß letzterer gar keinen Anspruch auf eine Bot-schaft habe:Wenn Sie ihm beim Kaiser Brüssel verschaffen, so ist dasmehr als genug."

Als ich das Auswärtige Amt verließ, hatte ich den Eindruck, daßHolstein es nicht ganz leicht sein würde, in dieserBude", wie das Amt von seinenund Kiderlen Angehörigen gern genannt wurde, sich dauernd zu behaupten. Mein BruderAlfred pflegte in seiner stillen, Ränken und Schlichen, dem Ehrgeiz wie derEifersucht gleich abgeneigten Art zu sagen, daß über dem Amt in dicken