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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE FRAU PRINZESSIN UND DER LAKAI 19

Albrecht Vater war mit der schönen Prinzessin Marianne der Niederlande vermählt. Die Ehe ging nicht besonders. Der Gatte verhebte sich in dieanmutige Tochter des Kriegsministers von Rauch, der Garten des Kriegs-ministeriums grenzte an den Garten des Palais Albrecht, und zum Kummerdes frommen Königs Friedrich Wilhelm IV. trennte sich Prinz Albrecht(Vater) von seiner Frau und heiratete Fräulein von Rauch. Mit seinerzweiten Frau vom König aus Berlin verwiesen, ließ er sich in Dresden nieder, wo er sich die Albrechtsburg erbaute und für seine Gemahlin undseine Kinder einige Jahre später vom Herzog von Sachsen-Meiningen denNamen Gräfin und Grafen von Hohenau erhielt. Prinzessin Marianne unter-nahm, um sich zu trösten, eine Reise nach Italien . In ihrer Umgebungbefanden sich eine tugendreiche Hofdame, ein würdiger Kammerherr undein als besonders zuverlässig empfohlener Lakai. Zunächst verlief die Reisesehr gut, der Kammerherr berichtete an das Oberhofmarschallamt inBerlin , daß die Frau Prinzessin die Itahener durch ihre Liebenswürdigkeit,ihr Gefolge durch ihre Güte bezaubere. Bald konnte er berichten, daß IhreKönigliche Hoheit nach wie vor in bester Stimmung wäre, daß sie mitihrer ganzen Suite zufrieden zu sein scheine, aber die Dienste des trefflichenLakaien besonders schätze. Diese Dienste und die Anstelhgkeit des Lakaienwurden auch weiter rühmend hervorgehoben, bis plötzlich die entsetzteMeldung in Berlin eintraf, die Frau Prinzessin habe befohlen, daß der Lakaian der Mittags- und Abendtafel teilnehmen solle. Prinzessin Marianne hatihren Günstling später geheiratet. Sie wurde schlecht von ihm behandelt,der ein roher Mensch gewesen zu sein scheint, nahm aber, fromm wie sie war,die Züchtigungen ihres Gatten als heilsame Prüfung entgegen und ist ihmbis an sein Ende eine treue und gehorsame Frau gewesen. Ein Kindaus dieser Ehe starb in jungen Jahren. Je älter sie wurde, desto mehrsteigerte sich bei der Prinzessin eine gewiß aufrichtige Religiosität, zu-gleich aber stellte sich der alte fürstliche Hochmut wieder ein, undsie urteilte schonungslos über jede Mesalliance in fürstlichen Häusern.Daß sie selbst unter ihrem Stande verheiratet gewesen war, hatte sieeinfach vergessen.

Ich weiß nicht mehr, welcher griechische Historiker irgendwo erzählt, daßein griechischer Sophist von einem asiatischen König, den er gefragt hatte,welche Kunst er von ihm zu lernen wünsche, die Antwort erhielt:Lehremich die Kunst, vergessen zu können." Fürsten brauchen im allgemeinendiese Kunst nicht zu lernen, sie vergessen von selbst, woran sie nicht er-innert werden mögen. Ihrer religiösen Richtung entsprechend war Prin-zessin Marianne auch politisch ganz nach rechts gerückt, und wenn sieihren Sohn besuchte, der Kommandierender General in Hannover gewordenwar, mißbilligte sie laut und vor Hannoveranern die Annexion HannoversV