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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER DONNERGOTT IM SACHSENWALD

glaube, wir können mit dem Ergebnis außerordentlich zufrieden sein. Wirmüssen danken: 1. Hohenlohe selbst und seinem Patriotismus und 2. demweiten Blick Holsteins, der Hohenlohe seinerzeit hielt und ohne den Hohen-lohe kaum die Sache übernommen hätte. Erfüllt nun Koller seine Pflichten,resp. ist er seiner Aufgabe gewachsen, so kann Hohenlohe auf den dreiBeinen Holstein (Diplomatie und feinste Wäsche im Innern), Marschall(Parlament, Handelsscherze und grobe Hausarbeit), Koller (Administra-tion und Vertrauensmann in dem allerdings reformbedürftigen preußischenMinisterium) wohl stehen. Sein Körper und Geist ist ja noch rüstig, so daßwir drei Jahre wohl noch auf ihn rechnen können. Drei Jahre aber sind einelange Zeit. Dann müssen vielleicht Sie vor die Bresche treten. So sehr ichIhnen alles andere gönne und wünsche, man wird sich aber mehr und mehrwohl supremo loco überzeugen, daß am besten für den höchsten Posten einDiplomat paßt, und wen hätten wir da wohl ? Doch kann ja auch das BegimeHohenlohe länger dauern, er muß nur haushälterisch mit seinen Kräftenund dem Einsetzen seiner Person sein. An Feinden, so begeisterte Anhän-ger er nun speziell in unserem Fach auch finden wird, so sehr Marschall undHolstein gewiß jeden Nerv anspannen werden, wird es dem Armen nichtfehlen. Die Ostpreußen , Waldersee, die Maison militaire, vielleicht bald dieganze Generalität, die wie die Hammel eventuell einem Leittier folgenkönnte, und last not least der vielgewandte Ulysses Miquel. Gäbe Gott nur,daß unsere Konservativen die Zeichen der Zeit verstehen. Ohne sie kannman keine Majorität herstellen, denn mit Zentrum und Freisinn wirt-schaften, hieße sich in die Sackgasse Caprivischer Staatskunst hinein-verirren. So frivol es klingt, irgendein sozialistischer oder anarchistischerGewaltstreich würde vielleicht ein Zusammenschließen aller gemäßigten,staatserhaltenden Leute inklusive eines Teils von Freisinn und Zentrumermöglichen. Und dann il faut battre le fer pendant qu'il est chaud! Dannhieße es, das Wahlgesetz ,amendieren', nicht ändern, dazu fände sich niedie Zweidrittelmehrheit. Doch das wissen Sie bei Ihrer höheren Einsichtund größeren Kenntnis der Personen alles viel besser als ich. Lassen Sieuns aber einstweilen der Sonne uns erfreuen, die unstreitig für das Vaterlandaus den Wolken bricht. Die ganze öffentliche Meinung ist so sehr für denFürsten Hohenlohe, daß selbst der Donnergott im Sachsenwalde Friedens-melodien in den ,Hamburger Nachrichten' anstimmt. Was nun speziellunsere Karriere anlangt, so scheint mir jetzt gebotener als je, zumal nach-dem Marschall den von ihm so sehnsüchtig erhofften Staatsministertitelerhalten hat, daß endlich etwas für Holstein geschieht. Man sammelt jetztdie Früchte seiner weisen Leitung der auswärtigen Dinge (Bußland, Eng-land pp.). Einige naive Leute schreiben dies auf Caprivis Konto, und dereigentliche Leiter steht unbemerkt und ungeehrt abseits. Ob nicht Phili