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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WASSER IN DEN AUTOKRATISCHEN WEIN

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derungen Lerchenfelds von der verworrenen Lage in Berlin müssen ihn soimpressionieren, daß er jetzt eine völlig ablehnende Haltung einnimmt. Erscheint wieder die alte bayrische Schaukelpolitik aus der Rumpelkammerhervorzuholen. Überall begegne ich seinem Bestreben, sich selbständig zumachen. Sein Ton ist ein viel festerer mir gegenüber, seine Deferenz hohenund klerikalen Wünschen gegenüber eine unbegrenzte. Der Hof ist wider-haariger denn je, gegenseitige Übelnehmerei trotz aller Depeschen pp. ver-giften hüben und drüben die Stimmung. Lerchenfeld tut 6ein möglichstes,den Brand zu hellem Feuer anzublasen. Zu Vertrauten äußerte er sich sehrentrüstet über mich, und es ist gar nicht unmöghch, daß er mir schließlichdoch erfolgreich ein Bein stellt, da sein Einfluß in Berlin sehr weit reicht,jedenfalls viel weiter wie der meinige. Glücklicherweise scheint Marschalljetzt doch nicht mehr ganz so vertrauensselig zu sein. Wenn man nur mitdem Amt allein zu tun hätte, könnte man die Politik Bayern gegenüberschon einrichten, man ist aber leider vor Überraschungen an allerhöchsterStelle nie sicher und weiß nie, welche Einflüsse sich da geltend machen.Bayern ist ein so wichtiger Faktor, der Schlußstein des ganzen deutschenGebäudes, daß bei allem und jedem hierauf Rücksicht zu nehmen ist.Vortrefflich wirkt hier die richtige Bismarckpolitik Hohenlohes. Ich sprachneulich darüber mit Schweninger, der die Zufriedenheit Bismarcks dar-über meldete und sich selbst auch sehr versöhnlich aussprach. Er äußertesich aber gleichzeitig sehr besorgt über das Erstarken des Partikularismus,richtiger Separatismus hier zu Lande. Da unsere Freunde im Süden durch-weg liberal sind, kann nur eine gemäßigt hberale Reichsleitung Wurzelnhier schlagen. Wir haben diese ja jetzt. Auch hat glücklicherweise S. M.wieder Wasser in den autokratischen Wein seiner Reden getan. Eine Redeaber kann die Arbeit vieler Monate zerstören und mehr dazu. Verlautet hieraber gar etwas über die Regattaschmerzen Seiner Majestät, so ist allesdurch die Krüger-Depesche gewonnene Terrain im Handumdrehen ver-loren. Lerchenfeld lanciert seine Kuckuckseier dann immer in die hiesigennationalen Blätter. Das wichtigste, die ,Münchner Neuesten Nachrichten ',habe ich mir so weit gezähmt, daß sie mit bedenklichen Berliner Meldungensehr vorsichtig umgehen, eventuell mich zu Rate ziehen. Alle Kanäle aberkann man nicht verstopfen. Sehr geschickt soll Lerchenfeld jetzt gegen dasBürgerliche Gesetzbuch agitieren, ich habe wenig Hoffnung, daß es nochin dieser Session in den Port gebracht wird. Die Verhältnisse bei unserenBundesgenossen sind j a auch recht unerfreuhche. Die finanzielle SchwächungItaliens erregt mir große Besorgnis, 50000 Mann in Afrika sind eine zuschwere Last für den armen Staat Italien. Und in Österreich ! Die Erneue-rung des Zoll- und Handelsbündnisses bringt die ganze alte Scheune insWanken. Dazu der in Ungarn bevorstehende Krach. Unserer Freunde

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