DIE MIKROZEPHALEN
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unter Mumm stehend. Alexander Hohenlohe lernte ich leider nichtkennen. Der Kanzler ist merkwürdig frisch. Ich sprach der Fürstinmeine Besorgnis aus, daß direkte Anspannungen, wie die Staatsrats-sitzungen, ihrem Gemahl doch schließlich schädlich sein müßten. Dazudie geselligen Lasten. Vortrefflich sind nach wie vor die Beziehungen mitS. M., Verkehr mit kleinen Billets-doux. Marschall bleibt also bis aufWeiteres, wenngleich er sich selbst sehr resigniert geriert. Daß HolsteinMarschalls sofortigen Abgang zur Kabinettsfrage machen wollte, wissenSie wohl. Andererseits aber will Holstein einem Wechsel im Laufe der Zeit,falls S. M. ihn dann wünschen sollte, nicht entgegen sein. Ich hoffe aber,die Wogen beruhigen sich. Doch wühlt der Apotheker Lucanus sowie dasbismarckisch gesinnte Militärgesinde Imperatoris sehr gegen den armenStaatsanwalt'. Sehr bedenklich ist das Toben der Agrarier. Hohenlohesagte mir, er stände deren Anträgen unbedingt ablehnend gegenüber. Mar-schall hat eine bimetallistische Ader, leider. Wenn die Agrarier bessereTaktiker wären, würden sie wohl den Kaiser herumkriegen. So ist Mar-schall aber der Fels in der Brandung. Am Unterspülen desselben arbeitenleider Adel, Hof und der einflußreichste Teil unserer Bürokratie. Selbst sokluge Leute wie Leo Buch sind ganz verrannt in den Antrag Kanitz. DerTon der Konservativen im Reichstag ist ein mehr und mehr gereizter. ImKasino predigt alle Abend Mirbach-Sorquitten einem Kreis von Mikro-zephalen. Die Sozialdemokratie soll, wie ich von gut unterrichteten Leutenhöre, jetzt auch unter den kleinen Beamten, Postboten, Schutzleuten,Amtsdienern immer weitere Anhänger gewinnen. Man hofft, daß sie sichallmählich zu einer radikalen Linken umgestalten wird. Eigentümlicher-weise sind schon heute die sozialistischen Abgeordneten in vielen Fragengeradezu eine Stütze der Regierung. Von mancher Seite wurde der Fleißund das Studium dieser Volksvertreter zu wenig vorteilhaften Vergleichenmit den konservativen Deputierten benutzt. Was sagen Sie zu Bill Bis-marcks Ernennung zum Oberpräsidenten in Königsberg? Ich sprach ihn,er schien sehr erfreut. Pubheus ist sehr gut davon impressioniert. Wie ichals sicher hörte, hat aber außer August Dönhoff auch der Exminister BothoEulenburg die Stellung refüsiert. Koller machte mir keinen sehr angenehmenEindruck, sehr zurückgegangen schien Bötticher zu sein. Im Amt ist manmit Schenk unzufrieden und will ihn durch Heyking, der für Kairo zuschneidig ist, ersetzen. Nach Buenos Aires aber soll ein Homo novusnamens Müller-Raschdau kommen. Komme ich hier einmal los, belästigeich Ihre hebenswürdige Gebieterin mit der Bitte, mir etwas Seidenstoff zubesorgen; ihr Geschmack ist ebenso bekannt wie ihre Güte, sodaß ich wohldie Bitte seinerzeit wagen möchte. Von Ihren Brüdern sah ich in Berlin nur den Ulanen Karl Ulrich, mit dem ich eines Abends Skat spielte. Er