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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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REVANCHE

Bismarck vorausgesehen und vorausgesagt worden war, automatisch dierussisch-französische Allianz zur Folge gehabt, die bei den beteiligtenVölkern inzwischen viel zu sehr in succum et sanguinem übergegangenwar, als daß an ihre Aufhebung gedacht werden konnte. Die große Mehrheitder Franzosen scheute den Krieg, aber Elsaß und Lothringen, Metz undStraßburg waren nicht vergessen. Nur wenige erlesene Geister träumten inFrankreich den schönen Traum von allgemeiner Völkerversöhnung unddurch sie von einem ewigen Frieden.Qui dit alliance russe, dit revanche",sagte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein kriegsscheuerDeputierter zu dem Präsidenten der Patriotenliga Paul Deroulede . Diesererwiderte, den Ängstlichen beruhigend:Qui dit alliance russe, dit securitede la France." Die weit überwiegende Mehrheit des französischen Volkessah in der Allianz mit Rußland , wenn nicht die einzige wirkliche, so dochdie ganz überwiegende Garantie gegen einen deutschen Angriff. Aber auchin Rußland war an eine Preisgabe dieser Allianz und Abwendung vonFrankreich nicht mehr zu denken. Keine russische Regierung konnte, nochdazu unter einem schwachen Herrscher wie Nikolaus II. , es wagen, dieAllianz mit Frankreich wieder aufzuheben. Es blieb also für uns nur übrig,im Rahmen dieser Allianz und trotz dieser Allianz zu Rußland ein Ver-hältnis aufrechtzuerhalten, das uns vor einem Zusammenstoß mit ihmbewahrte. Das war eine Frage diplomatischer Geschicklichkeit.ImWesten freilich kann der Topf einmal überkochen, daß wir aber von Ostenher angegriffen werden, glaube ich nicht, wenn unsere Diplomatie so ge-schickt ist, wie sie sein könnte", hatte am 10. Juli 1892 der Alte im Sachsen-walde einer Abordnung württembergischer Verehrer gesagt, die er mitden Worten aus Schillers Glocke" begrüßt hatte:Friede sei ihr erstGeläute."

Die Aufrechterhaltung friedlicher und freundlicher Beziehungen zuRußland war nur möglich bei sorgsamer Beachtung der Punkte, wo wiruns nicht in einen nicht wieder gut zu machenden Gegensatz zu Rußland stellen durften. Wir mußten Rußland zwar keinen Zweifel darüber lassen,daß wir ihm Österreich-Ungarn nicht opfern wollten, noch konnten. AberRußland mußte immer den Eindruck haben, daß die Führung im deutsch-österreichischen Bündnis bei Deutschland lag und daß die deutsche Politikein gutes Verhältnis zu Rußland im friderizianischen und bismarckschenSinne wünsche und ehrlich erstrebe. In specie durfte in Rußland keiner-lei Zweifel darüber aufkommen, daß wir trotz unserer wirtschaftlichenInteressen in der Türkei in der Dardanellenfrage uns Rußland nicht inden Weg stellen würden. An dieser für Rußland empfindlichsten Stelledurften wir ihm nicht entgegentreten, das mußten wir anderen überlassen.Die Öffnung der Dardanellen für russische Kriegsschiffe war mit dem Fort-