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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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AN DEN DEMNÄCHSTIGEN NACHFOLGER

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richtig ich mich vom Standpunkt des allgemeinen Interesses darüber freue,in Ihnen meinen demnächstigen Nachfolger begrüßen zu dürfen. Siewerden sich erinnern, daß ich schon bei unserem letzten Zusammensein imHerbste vor zwei Jahren voraussah, daß es so kommen werde und imInteresse von Kaiser und Reich so kommen müsse, wenn ich auch damalsZweifel darüber hegte, ob Ihnen nicht die Zwischenstufe des Staats-sekretärs ganz erspart werden würde.

In Ihrem neuen Amte wird Ihnen vieles unendlich leichter werdenals mir. Sie bringen dazu eine Kenntnis der auswärtigen Politik mit,die ich mir nur allmählich und in gewissem Sinne unvollständig an-eignen konnte und für die innere Politik genießen Sie den unschätz-baren Vorteil, daß Sie inmitten des heftigen Kampfes der Parteien nachkeiner Seite hin engagiert sind. Durch eine eigentümliche Verkettungvon Umständen bin ich in den Fragen, die heute am stärksten dieLeidenschaften erregen, nämlich denjenigen der Wirtschaftspolitik, nichtnur in den Vordergrund getreten, sondern allmählich in eine Stellung ge-raten, die mich meine parlamentarischen Kämpfe mit verkehrter Frontfechten ließ, d. h. gegen die Rechte, der ich einst als Fraktionsmitgliedangehörte, und unter dem Beifall der Linken, deren politische Grund-sätze ich, seitdem ich politisch denken kann, allzeit bekämpfte. Auch Ihnenwird es beschieden sein und zwar in nächster Zeit, gegen agrarischeWünsche und Forderungen Stellung zu nehmen, aber darum wird gegen Sienicht der Sturm entfesselt werden wie gegen mich, den Träger der gehaßtenHandelsvertragspolitik. Und ich bin überzeugt, daß unter Ihnen das einzigvernünftige System wiederhergestellt werden wird, daß die parlamentarischeVertretung der Wirtschaftspolitik dem Reichsamt des Innern und demReichschatzamt überlassen bleibt, der Staatssekretär des AuswärtigenAmts, soweit es sich um internationale Beziehungen handelt, die maß-gebende Stimme behält, aber nicht nach außen hin mit handelspolitischenProgrammen hervorzutreten, d. h. in den Parteikampf einzutretenbraucht.

Für Ihre freundlichen Wünsche betreffs meiner Gesundheit bin ich auf-richtig dankbar. Ich darf fast bestimmt erwarten, in wenigen Wochenso weit hergestellt zu sein, um meine Dienste wieder zur Verfügung zustellen, wenn darauf reflektiert wird. Meine persönlichen Wünsche gehennicht weiter, als noch einige Jahre für Kaiser und Reich tätig zu sein in derStellung, die man mir anweist.

Da ich annehme, daß es Ihren Wünschen entspricht, daß ich meineDienstwohnung der notwendigen Veränderungen und Ausbesserungenhalber bald räume, so werde ich gegen Ende August nach Berlin kommen,um das Nötige zu besorgen.