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DAS DORNENVOLLE AMT
Eingedenk eines alten Bülowschen Stammbuchverses, daß der nicht schonBülow und ein Edelmann sei, der aus großem Stamm geboren wäre oder Geld und Reich-Marschall tum habe, sondern daß Tugend und daß Höf lichkeit einenMann adelten, hatteich von Kiel aus an meinen Vorgänger, Herrn von Marschall, einige liebens-würdige Worte geschrieben. Dieser wußte nur zu gut, daß er wie jeder, dereinige Jahre im Amt war, sich manche Feinde gemacht hatte. Er wußte vorallem, daß er beim Kaiser in Ungnade gefallen war und daß diese allerhöchsteUngnade für manche Ratte unter seinen bisherigen Kollegen wie bei seinenbisherigen Untergebenen das Signal gewesen war, sein sinkendes Schiff zuverlassen. Ich wollte ihm den Abschied aus leitender Stellung versüßenund ihn gleichzeitig über seine Zukunft beruhigen. Ich schalte seine Ant-wort ein, die nicht nur interessant ist durch die Verteidigung seiner Haltungund Politik während der sieben Jahre seiner Wirksamkeit als Staatssekretärdes Äußern, sondern auch durch ihren warmen und für mich wahrhaftfreundschaftlichen Ton. An dieser Tonart hielt Freiherr von Marschall fastmit Begeisterung fest, solange ich Staatssekretär und Reichskanzler war.Ich gestehe meine Naivität, denn ich besaß damals noch nicht die Er-fahrungen und infolgedessen auch nicht die Menschenkenntnis, die ichseitdem durch das Schicksal erhielt, das Goethe einen vornehmen, aberkostspieligen Lehrmeister nennt: Ich glaubte wirklich, Herr von Marschallwäre mir dankbar, daß ich ihm, der, wenn auch nicht in erster Linie,so doch zu einem guten Teil die Verantwortung für die Kündigung desRückVersicherungsvertrages mit Rußland wie für die Krüger-Depesche trug,eine schöne Botschaft und damit ein Feld für neue und ersprießliche Wirk-samkeit gegen mancherlei Widerstände verschafft hatte. Es ist mir inspäteren Jahren sogar gelungen, beim Kaiser für ihn den Schwarzen Adler-orden durchzusetzen, den der ehemalige „Verräter" mit Freude und mitStolz trug. Leider muß ich hinzufügen, daß seine Freundschaft für mich mitdem Tage aufhörte, wo ich mein Amt niederlegte.
„Denn so ändert sich der Sinn der sterblichen Erdenbewohner,So wie die Tag' herführet der waltende Vater vom Himmel."
Also sprach vor dreitausend Jahren zum verständigen Amphinomosder vielgewanderte Odysseus . Ich lasse den Brief des Freiherrn vonMarschall folgen:
Verehrter Freund!
Empfangen Sie meinen aufrichtigsten Dank für Ihren freundlichen Brief.Niemand vermag besser zu würdigen als ich, wie schwer Ihnen der Ent-schluß geworden, das dornenvolle Amt anzunehmen, welches das VertrauenSr. Majestät Ihnen beschieden hat, aber ich darf hinzufügen, wie auf-