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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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DIE DETMOLDER OMELETTE

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Kurz bevor ich nach Kiel berufen worden war, hatte eine große englischeWochenschrift, dieSaturday Review", das Catonische Macht- und Neid-diktat wiederholend, ihrCeterum censeo Germaniam esse delendam"in die Welt gerufen. Um dieselbe Zeit veröffentlichte ein Reichsgerichts-rat, Otto Mittelstadt , im Hinblick auf das Umsichgreifen der sozial-demokratischen Bewegung sein BuchVor der Flut", das ein Schreider Angst und Verzweiflung war. Aber hoch über allen solchen bedroh-lichen Erscheinungen stand für mich als Ergebnis unbefangener Prüfungder äußeren und inneren Lage und gesammelten Nachdenkens die Not-wendigkeit, unserem Volk mit dem Frieden in Ehren das von Bismarck insLeben gerufene monarchische Reich zu erhalten, was mir auch trotz allerKlippen und Sandbänke möglich erschien. Ich gedachte der schönen Worte,die bei meinem gehebten Homer der tüchtige Hektor seinem WagenlenkerPolydamas zuruft, der, erschreckt durch den Unglück ansagenden Flug derVögel, ihn auffordert, das Kampffeld zu verlassen:

Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches,

Ob sie rechts hinfliegen, zum Tageslicht und zu der Sonne,

Oder auch links dorthin, zum nächtlichen Dunkel gewendet."

Ein Wahrzeichen nur gilt, das Vaterland zu erretten! Ich bat Gott , mirKraft und Geschick für mein Amt zu verleihen, und kehrte Ende Juli wiedernach Deutschland zurück.

Während meiner Abwesenheit war Herr von Böttichcr durch denbisherigen Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Graf Posadowsky, Der Fallersetzt, Miquel an Böttichers Stelle zum Vizepräsidenten des preu- Lippeßischen Staatsministeriums, Generalleutnant von Podbielski zum Staats-sekretär des Reichspostamtes ernannt worden. Vierzehn Tage späterhatte Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe , nachdem das Schiedsgerichtin der Erbfolgefrage unter dem Vorsitz des Königs Albert vonSachsen den Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld für erbfolgeberechtigt er-klärt hatte, die Regentschaft über Detmold niedergelegt. Der Kaiser, derleider die Lippesche Angelegenheit vom ersten Tage an rein persönlichgenommen hatte, richtete beim Abzug seines Schwagers und seinerSchwester Viktoria ein Telegramm an beide, in dem er in schwungvollenWorten und allzu emphatisch erklärte, daß Detmold niemals einen besserenHerrscher und nie eine bessere Herrscherin erhalten würde als das nun leiderdas Land verlassende fürstliche Paar. An den deutschen Höfen, aber auchin weiteren Kreisen erregte diese Kundgebung, die politisch deplaciertwar, Erstaunen und Arger. Für sie wie für die ganze Behandlung, die derKaiser der Detmolder Frage angedeihen ließ, konnte das französischeSprichwort gelten:Tant de bruit pour une Omelette."