Druckschrift 
1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
Seite
62
Einzelbild herunterladen
 

62

DAS LIEBESMAHL

Konservativen, die schon Ende der sechziger Jahre und in stärkerem Maßein der ersten Hälfte der siebziger begannen, die scharfen Konservativennicht, obwohl er selbst aus ihren Reihen hervorgegangen war und mancheihrer Anschauungen bis an sein Lebensende teilte. Als dem Fürsten inseiner späteren Amtszeit für den Posten des Oberpräsidenten in Breslau ein Herr von Seydewitz vorgeschlagen wurde, der sich für diese Stellungnicht nur als geborener Schlesier, sondern auch durch andere Eigenschaftenqualifizierte, schrieb er an den Rand:Nein! Er ist ein Kreuzzeitungsmann,und die setzen den Parteistandpunkt über die Staatsräson." Brandensteinschien dem großen Kanzler für den künftigen Kaiser nicht der geeigneteBerater. So wurde der tüchtige Mann aus der Umgebung des damaligenKronprinzen entfernt und als Regierungspräsident nach Hannover ver-setzt. Im Hinblick auf seine Arbeitskraft, seine Geschäftskenntnisse undseinen aufrechten Charakter habe ich mich später bemüht, seine Fähigkeitenim Interesse des preußischen Staats zu verwerten. Ich nahm ihn als Ober-präsidenten für Königsberg in Aussicht, vielleicht mit einer Zwischen-station als Regierungspräsident in Düsseldorf , drang aber damit nicht beimKaiser durch.

Als ich Brandenstein für Düsseldorf nannte, meinte der Kaiser lächelnd:Das geht wirklich nicht, Brandenstein kneipt zu gern, und in Düssel-dorf gibt es zu gute Rheinweine. Er wird sich, dort angekommen,bezechen und in den Rhein fallen, und ich bin mit meinem Regierungs-präsidenten blamiert." Von Königsberg wollte der Kaiser noch wenigerwissen.Das geht erst recht nicht, da gibt es zu guten Grog." Woher dieseBesorgnisse ? Der Kaiser hatte vor Jahren in Hannover einem Liebesmahlbei seinem 13. Ulanenregiment, den Königsulanen, beigewohnt. Währenddes Essens war, wie dies gelegentlich vorkommt, nach allgemeiner und leb-hafter Konversation eine Stille eingetreten. Wie man zu sagen pflegt: einEngel ging durch das Zimmer. In diesem Augenblick hörte man einenHerrn ungewöhnlich laut sprechen. Der Kaiser fragte seinen Nachbar, denGeneralfeldmarschall Grafen Alfred Waldersee, der nach dem deutsch -französischen Krieg die 13. Ulanen kommandiert hatte, wer da so lautkrähe. Waldersee mochte Brandenstein nicht, der bei der streng denkenden,hoch kirchlichen Gräfin Waldersee, übrigens einer ausgezeichneten Frau,einer geborenen Amerikanerin mit puritanischer Weltanschauung, füreinen losen Zeisig galt.Das ist Brandenstein", antwortete also WalderseeSeiner Majestät,der ist schon wieder betrunken." Wer in der Umgebungeines mächtigen Mannes lebt, möge dieser nun ein Souverän oder einrepublikanischer Staatschef, ein Minister oder ein einflußreicher Parlamen-tarier sein, sollte, wie dies Beispiel zeigt, sich sorgsam vor abfälligen Be-merktingen über Außenstehende hüten. Lobende und anerkennende