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DER APOTHEKER
den Boten, der eine Trauerkunde brachte, an dem nächsten Baum auf-knüpfen ließen.
Das große Publikum sah in Herrn von Lucanus vor allem den Beam-ten, der den für den Abschied reifen Ministern die seidene Schnurzu überbringen hatte. Man konnte ihn auch dem Hermes-Psychopomposvergleichen, der im 24. Gesang der Odyssee die Seelen der erschlagenenFreier in den Hades und zur Asphodeloswiese führt, in den Händen denMachtstab, schön aus Gold gebildet, und schwirrend folgen die Seelen.Eugen Richter hat dieses Thema in seiner „Freisinnigen Zeitung" in vielenVariationen und nicht ohne Witz behandelt. Kiderlen, der eine lose Zungehatte, war mehrfach, aber vergebens bemüht gewesen, Herrn von Lucanusdadurch beim Kaiser zu ridikülisieren, daß er erzählte, Lucanus sei derSohn eines Halberstädter Apothekers. Damit hatte er auf Wilhelm II. garkeinen Eindruck gemacht. Der Kaiser dachte viel zu vorurteilslos, umirgend jemandem seine Abkunft vorzuwerfen, geschweige denn die Abstam-mung von einem Pharmazeuten, wo doch gerade die Apothekerkunstbesondere Sorgfalt, Vorsicht und gute Kenntnisse verlangt und schon beiden Griechen wie bei den Arabern, im Italien des früheren und im Deutsch-land des späteren Mittelalters hoch in Ehren stand. Der Tod des Kabinetts-rats von Lucanus, der im August 1908 mit 77 Jahren in seinem Amt ver-schied, war ein schwerer Verlust für Kaiser Wilhelm IL , zumal der erfahreneund kluge Staatsmann, der zwei Jahrzehnte hindurch der Krone und demLand hervorragende Dienste geleistet hatte, durch den subalternen, ganzmittelmäßigen Herrn von Valentini ersetzt wurde.
Der Chef des Militärkabinetts, der damalige Generaladjutant, spätereHahnke Generalfeldmarschall von Hahnke, war ein würdiger Vertreter der ruhm-vollen Infanterie unseres alten Heeres. Er war aus der Gardeinfanteriehervorgegangen, an der er mit allen Fasern hing. Nahe Freundschaft hatteihn viele Jahre mit einem anderen Vorbild jedes echten preußischen Garde-infanteristen verbunden, mit dem Generaloberst von Pape, der am 18. Au-gust 1870 den Angriff der 1. Garde-Infanterie-Division auf St-Privat führte.Mochte die militärische Kritik aus Gründen der Taktik an diesem berühm-ten Angriff noch so viel aussetzen, mit Stolz gedachte jeder Gardist undjeder gute Preuße des herrlichen Angriffs, den ein Wandgemälde in derRuhmeshalle darstellt. Der Garde war befohlen worden, nachdem sie ge-schossen hatte, sich auf die Erde zu werfen, damit die feindliche Salve übersie weggehe. Sie blieb aber stehen und schwenkte die Helme mit dem lautenRuf: „Vorwärts! Nur immer vorwärts!" Im heftigsten Feuer war Generalvon Pape die Front heruntergeritten. Von seinem zahlreichen Stabe wurdenalle Offiziere getötet oder verwundet bis auf den Leutnant von Esbeck-Platen, der später lange Jahre diensttuender Zeremonienmeister war, ein