DER KAISER ALS SCHIFFSZEICHNER
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Jahren hatte der Kaiser bei einem Besuch in Italien die Bekanntschaft desdamaligen italienischen Marineministers, des Admirals Brin, gemacht, derfür einen der hervorragendsten Schiffskonstrukteure in Italien und selbstin Europa galt. Nach langen Gesprächen über die beste Art, Schiffe undinsbesondere große Schlachtschiffe zu bauen, hatte der Kaiser den AdmiralBrin gefragt, ob er ihm den Plan für den Bau eines Kampfschiffes über-senden dürfe, den er mit besonderer Sorgfalt ausgearbeitet habe und derdie Frucht jahrelanger Studien, sauren Fleißes und vielen Nachdenkenswäre. Einige Wochen später erhielt der Minister Brin aus Potsdam den ihmin Aussicht gestellten Plan. Er schickte die Zeichnung dem Kaiser mit einemBrief zurück, der ein Meisterstück italienischer Feinheit, aber auch kühlerIronie war. „Das Schiff, das Eure Majestät bauen wollen", schrieb etwa derAdmiral, „wird das mächtigste, furchtbarste und dabei schönste Kriegs-schiff werden, das je gesehen wurde. Es wird eine Schnelligkeit entfalten,die noch nirgends erreicht wurde, seine Armatur übertrifft alles bis heuteDagewesene, seine Masten sind die höchsten, seine Geschütze die weitest-tragenden der Welt. Dabei ist es im Innern prächtig eingerichtet, es mußein wahres Vergnügen sein, auf diesem Schiff zu fahren, für die ganze Mann-schaft, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen. Das herrliche Fahrzeug hatnur einen Fehler: wenn es auf Wasser gesetzt wird, geht es unter wie einebleierne Ente." Der Kaiser hat dem Admiral diese Antwort gar nicht übel-genommen. Es war ein in hohem Grade sympathischer Zug des Kaisers,und dadurch unterschied er sich von vielen anderen Fürsten , daß er füreine mit Geist vorgebrachte Kritik nicht empfindlich war — voraus-gesetzt, daß sie nicht nach außen drang. Darum hatten es seine persönlichenFreunde leicht mit ihm, denn zwischen ihnen und Seiner Majestät spieltesich alles in der Intimität ab. Die Minister hatten es schwer, denn sie stan-den vor der Öffentlichkeit und der Kaiser mit ihnen.
Aus den soeben angedeuteten Gründen, weil neben seinem Eifer für dieMarine keine andere Erwägung für ihn bestand, hat der Admiral von Senden Des Kaisersauf die Beziehungen zwischen dem Kaiser und seinem Onkel, dem König UmgebungEduard VII., und damit auf die deutsch -englischen Beziehungen sehr schäd-lich eingewirkt. Senden war, was man in Norddeutschland „stur" nennt. Erwar leider auch sehr taktlos. Die Herren, die Wilhelm II. umgaben, hattenmit verschwindenden Ausnahmen viele treffliche Eigenschaften. Sie wurdenvon Außenstehenden oft ungerecht beurteilt. Es fehlte ihnen weder anPflichttreue, noch an Wahrheitsliebe, noch an Unabhängigkeit der Ge-sinnung, aber Takt war nicht die Signatur der neuen Generation. AmHofe Kaiser Wilhelms I. war der Ton sehr taktvoll. Von dem Milieu, indem Wilhelm II. lebte, ließ sich dies auch mit dem besten Willen nichtbehaupten. Selbst Philipp Eulenburg und Kuno Moltke konnten und wollten