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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER TÄTOWIERTE EARL

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Er war auch ein großer Jachtman. Es war ein Vergnügen, ihn auf derJachtMeteor", auf die der Kaiser ihn oft zum Segeln mitnahm, stehen zusehen, in korrektem englischem Jachtanzug, die Hemdsärmel zurück-gekrempelt, die muskulösen Arme und die entblößte, breite und starkeBrust, über und über mit durchstochenen Herzen, kleinen Flaggen undDoppelbuchstaben tätowiert, in gestickten Pantoffeln, um auf dem glattenDeck nicht auszugleiten, jedem Matrosen an Kraft und Geschicklichkeitüberlegen. Er war wirklich a jolly good fellow, aber er war nun einmal diebete noire des Königs Eduard, der ihnthe greatest bar in England "nannte, es auch nicht richtig fand, daß der Kaiser intim mit einem Herrnverkehrte, über dessen Vermögen schon seit längerer Zeit der Konkursausgesprochen war. In letzterer Beziehung befand sich der Earl of Lons-dale in derselben Lage wie später ein anderer Freund des Kaisers, der FürstMax Fürstenberg , der gleichfalls in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Eswar ein schöner Zug am Kaiser, daß er seinen Freunden die Treue hielt,das durfte aber nicht auf Kosten der Staatsräson geschehen, wie im FalleLonsdale. Auch mußte ein Unterschied gemacht werden zwischen deutschen Freunden wie Senden, die als treue Kameraden angesprochen, behandeltund geschützt werden konnten, und einem frivolen Ausländer, von demvorauszusehen war, daß er schwerlich an der Seite Seiner Majestät bleibenwürde, wenn einmal die Trommel zum Streite wider Deutschland geschla-gen werden sollte. Als England 1914 Deutschland den Krieg erklärte, hat,wie die Zeitungen meldeten, Lord Lonsdale, der im Gefolge des Kaisersan manchem deutschen Manöver zu Lande und zu Wasser teilgenommenhatte, auf seinem Schloß die vielen Bilder, die er vom Kaiser besaß, mitdem Gesicht gegen die Wand umdrehen lassen.

Admiral von Senden war von dem Vorwurf nicht freizusprechen, daßer sich, im Gegensatz zu seinen Kollegen vom Zivil- und Militärkabinett, in Senden unddie auswärtige Politik einzumischen liebte, seiner ganzen Richtung ent- P au ^ issprechend natürlich in antienglischem Sinne. Er hat in dieser Beziehungmanches verdorben. Das Wesen des Dilettanten besteht nach Goethe darin,daß er die Schwierigkeiten, die in einer Sache Hegen, unterschätzt. Von demeinfachen, aber, in seiner Einfachheit einfältig angewandt, gefährlichen Ge-danken ausgehend, daß man Rußland gegen England ausspielen müsse,hatte sich Herr von Senden mit dem russischen Marineattache Paulis be-freundet, mit dem er gern Gedankenaustausch über die Möglichkeit einesdeutsch-russischen Zusammengehens gegen England pflog. Paulis war eindunkler Ehrenmann, von dem niemand wußte, ob er nach seiner HerkunftRusse, Belgier oder Italiener war, und vor dem selbst der russische Bot-schafter leise warnte. In seiner Treue für seineFreunde" heß sich aber derKaiser nicht an seinem Kabinettschef und Admiral ä la suite irremachen.