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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE BÄRENINSELN

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Seiner Majestät nicht, daß mir finanzielle Spekulationen mit dem Königvon Belgien nicht besonders zusagten. Ich hätte in dieser Beziehung viel-leicht antiquierte Anschauungen, aber für Könige und jedenfalls für denKönig von Preußen paßten sich solche Unternehmungen meines Erachtensnicht. Was aber Kreta anginge, so hätten wir allen Grund, unsere Fingeraus dieser Pastete herauszuhalten. Wir hätten im Mittelmeer nur sekundäreInteressen. Was aus der Insel des Minos würde, könnte uns ziemlichgleichgültig sein, darüber möchten sich Bussen und Engländer, Türken undGriechen streiten. Ein deutscher Gouverneur für Kreta wäre für uns eineLast und eine Verlegenheit, nicht eine Freude oder Auszeichnung.

Mit schon etwas enttäuschter Miene kam der Kaiser jetzt mit seinemzweiten und wichtigeren Vorschlag heraus. Philipp Eulenburg habe ihm Eine Idee deseinen exzellenten Gedanken übermittelt, den ein vielgereister württem- Herzogs von Urachbergischer Herzog von Urach zuerst gehabt hätte. Der betreffende Herzogwar derselbe Urach, der während des Weltkrieges der Kandidat des HerrnErzberger für den litauischen Thron war. Zwei Jahrzehnte vorher suchteer die Aufmerksamkeit des Kaisers auf die Bäreninseln zu lenken, kleineInseln im Nördlichen Eismeer, nördlich von Spitzbergen , kaum 600 qkmgroß. Sie waren am Ende des sechzehnten Jahrhunderts von dem hollän-dischen Seefahrer Willem Barents entdeckt worden, der versucht hatte,durch das Nördliche Eismeer nach China zu gelangen. Urach behauptete,und Phili glaubte, daß die Bäreninseln gewaltige Steinkohlenlager ent-hielten. Phili hatte nun Seiner Majestät den Vorschlag gemacht, wir möchtendie Bäreninseln, die res nullius zu sein schienen, rasch okkupieren und siedann den Russen als Kompensation für den von uns in China gewünschtenHafen anbieten. Der Kaiser hatte schon dem Admiral von Senden Weisunggegeben, ein Schiff bereitzuhalten, das auf telegraphische Order die Fahrtnach den Bäreninseln anzutreten haben würde. Als ich dieses Projekt, dasdie drei skandinavischen Nationen sicherlich beunruhigen würde, England und Rußland leicht verstimmen könnte, als unpraktisch und dabei phan-tastisch ablehnte, geriet der Kaiser in Erregung. Das hätte er nicht er-M'artet, als er mich berufen, ja sich nach mir als Minister gesehnt hätte.Er hätte angenommen, wir würden uns in allem verstehen. Das Gegenteilscheine der Fall zu sein. Ich wäre ja absprechender und schwerfälligergegenüber neuen Gedanken als Marschall, über den er sich genug geärgertbätte. Das ließe er sich aber nicht gefallen. Ich fühlte, daß mein ganzeszukünftiges Verhältnis zum Kaiser, die Möglichkeit eines für das Land er-sprießlichen Zusammenwirkens mit ihm und damit nach Lage der Verhält-nisse ein gutes Stück unserer politischen Zukunft davon abhinge, jetztnicht die Nerven zu verlieren, sondern fest zu bleiben. Ich hatte die Emp-findung, die mich als jungen Husarenleutnant erfüllte, wenn ich bei einer

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