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FURCHT VOR DEM EUROPÄISCHEN KRIEG
Deutschland und Rußland . Sie wissen, daß ich durch und durch Monarchistbin, ich halte für Rußland die Autokratie für die einzig mögliche Staats-form. Nicht als ob nicht auch in Rußland Reformen möglich und not-wendig wären, aber ein rein parlamentarisches, ein radikales System würdein Rußland , wie der Charakter des Russen nun einmal ist, der immer insExtreme geht, zu Anarchie und Auflösung führen."
Ein europäischer Krieg würde, setzte mir der russische Minister desÄußern weiter auseinander, für die innerrussische Entwicklung ernste Ge-fahren in sich bergen. Diejenigen irrten, die von einem großen Kriege fürRußland Erstarkung der dynastischen Gefühle im Volke und eine Hebungdes Ansehens des Zaren und der Autokratie erhofften. Das Gegenteil würdeder Fall sein, wie die Geschichte zeige: Auf den Krieg gegen Frankreich unter Alexander I. wäre die Dekabristen -Verschwörung gefolgt, derenTräger in Paris revolutionäre Ideen eingesogen hätten. Nach dem Krim-krieg hätte Alexander II. die von seinem Vater verweigerten Konzessionenmachen müssen, und derselbe Alexander II. wäre nach dem von ihm ge-führten Türkenkrieg das Opfer der nach diesem Krieg entstandenennihilistischen Bewegung geworden. Ich konnte diesen Ausführungen nur bei-stimmen und betonte, daß, wie die Verhältnisse in der Welt sich nachaußen und im Innern allmählich gestaltet hätten, für jede' Monarchie Kriegeine gewagte Sache wäre. Kaiser Wilhelm sähe dies vollkommen ein, erwäre durch und durch friedlich. Er würde natürlich keine Eingriffe in seineRechte und keine Verletzung seiner Ehre dulden, von niemandem. Aber erwürde ganz gewiß tun, was an ihm wäre, um den Frieden zu erhalten,Frieden in Europa und Frieden insbesondere mit Rußland . Schon deshalbwären wir erfreut über die gemeinsamen Noten, die die Kabinette vonSt. Petersburg und von Wien am 29. April dieses Jahres an die Regierungender Balkanstaaten gerichtet hätten. Diese kleinen Kläffer verdienten nicht,daß sich ihretwegen große Reiche und alte Dynastien gegenseitig zugrunderichteten. Murawiew verhehlte mir nicht, daß das Verhältnis zwischenRußland und Österreich viel komplizierter und delikater wäre als daszwischen Deutschland und Rußland . Da müsse eben mit Geschicklichkeitund mit einem gewissen Takt operiert werden. Die russische Regierungwolle trotz allem Geschrei der Slawophilen keinen Krieg gegen Österreich ,mit dem ja Rußland noch niemals den Degen gekreuzt habe. Sie wolle auchÖsterreich nicht von der Balkanhalbinsel verdrängen. Sie habe durch denReichsstatter Vertrag von 1876 freiwillig die österreichischen Rechte aufBosnien und die Herzegowina anerkannt. Der Minister erwähnte hierbei,daß auch nach dem Reichsstatter Vertrag während des Berliner Kongresseszwischen Gortschakow und Andrässy und bei der Begegnung in Skiernie-wice zwischen Giers und Kälnoky Briefe ausgetauscht worden wären,