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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER FELDMARSCH ALL ST AB

Reibungen hatte Wilhelm II. mit seiner eigenen Frau Mutter, der er invielen Zügen und besonders in seiner Begabung, in seinem Charme, inseiner natürlichen Art, sich zu geben, in der EmpfängHchkeit und Lebhaftig-keit seines Wesens, freilich auch in seinem Eigensinn, in seiner Launenhaftig-keit, mit Keinen vorgefaßten Meinungen so ähnlich war. ,,Es gibt nicht zweiMenschen", sagte mir einmal der Oberhofmeister der Kaiserin Friedrich ,Graf Goetz Seckendorff ,die sich so ähnlich sind wie die Kaiserin und ihrältester Sohn. Nur daß der letztere Hosen an hat und mit umgeschnalltemSäbel geht, die Mutter aber in langen Kleidern und mit einem Schleier."Als mir die Kaiserin Friedrich einmal besonders beweglich über ihrenältesten Sohn, den Kaiser, klagte, erwiderte ich ihr, die Mißverständnisseund Reibungen zwischen beiden hohen Herrschaften kämen wohl daher,daß sie einander zu ähnlich wären. Sie glichen einander wie eine Billard-kugel der anderen, die sich auch gegenseitig abstießen. Die KaiserinFriedrich protestierte mit Lebhaftigkeit. Sie wollte nichts mit ihrem Sohngemein haben, ihm in keiner Weise gleichen. War die Verschiedenheitzwischen Wilhelm II. und Franz Josef I. vielleicht der Grund, daß sie gutmiteinander auskamen, so ging diese Unähnlichkeit freilich bis zu einemGegensatz, wie er sich größer kaum denken läßt. Wilhelm II. war stets undin allem persönlich, das Subjektive war recht eigentlich der Kern seinesWesens, er war, um ein neuerdings totgehetztes Wort zu gebrauchen,egozentrisch. Kaiser Franz Josef war unpersönlich wie ein Schatten, undin der Tat konnte der Vers auf ihn angewandt werden:

Ein Schatten wandelt durch die Weltgeschichte,Doch der ihn warf, ist nicht zu sehen."

Wilhelm II. war ruhmredig, er Heß sich hier und da zu geschmacklosenRenommistereien verleiten. Er wollte immer im Vordergrunde der Bühnestehen. Kaiser Franz Josef prahlte nicht, er hielt sich, soweit seine Regenten-pflichten dies erlaubten, so sehr wie möglich im Hintergrunde und sprachnie von der Schaubühne herab. Wilhelm II. Hebte den Prunk, er legte,wie schon gesagt, soviel Orden wie mögHch an. Sein Selbstgefühl wuchs,wenn er den FeldmarschaUstab in die Hand nehmen konnte oder an Bordeines Schiffes das Fernrohr des Admirals, das auf dem nassen Element denStab des Feldmarschalls ersetzte. Kaiser Franz Josef trug nur, wenn erfremde Souveräne empfangen oder besuchen mußte, andere Orden als seineeigenen und auch diese en miniature. Ich glaube nicht, daß er je einenFeldmarschallstab in die Hand genommen hat. Der Gedanke, eine Hof-jagduniform mit Kanonenstiefeln, Sporen und Federhut anzuziehen, dieWilhelm II. an diejenigen seiner Freunde und Diener verHeh, die dem edlenWeidwerk huldigten, würde ihn mit Entsetzen erfüllt haben. Kaiser Franz