DER UNSENTIMENTALE FRANZ JOSEF
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Bosnien und in der Herzegowina getrübt werden. Und in Rom gemahnt einegegenüber dem Palazzo Venezia, dem langjährigen Sitz der österreichischenBotschaft beim Vatikan , angebrachte Marmortafel, aber auch eine Marmor-büste auf dem Pincio an die grausame Hinrichtung des Bürgermeistersund Abgeordneten von Trient, Cesare Battisti , der während des Weltkriegsin der Schlacht mit den Waffen in der Hand in österreichische Gefangen-schaft geriet und, obwohl schwerverwundet, gehängt wurde. Als KaiserFranz Josef starb, wiesen englische und französische Blätter darauf hin,daß wohl nie ein Monarch, wenigstens kein nicht asiatischer und nicht-afrikanischer Fürst, während seiner Regierung so viele Todesurteile unter-zeichnete habe. Das „Erst wollen wir einmal a bißl hängen", das der einzigegeniale österreichische Staatsmann, Fürst Felix Schwarzenberg, 1849 denum schonendere Behandlung der magyarischen und italienischen Rebellenbittenden ungarischen und lombardischen Aristokraten zurief, galt vomBeginn bis zum Ende der achtundsechzigjährigen Regierung des KaisersFranz Josef , einer der längsten Regierungen der Weltgeschichte.
Wohl der wichtigste Unterschied zwischen ihm und Kaiser Wilhelm be-stand darin, daß dem Oberhaupt der Doppelmonarchie alle und jedePhantasie versagt war, die dem Deutschen Kaiser die Natur nur allzu ver-schwenderisch in die Wiege gelegt hatte. Darum war Franz Josef I. außer-stande, die leitenden Strömungen der Gegenwart, die Ideale und innerstenAspirationen, die Tugenden wie die Fehler seiner vielen Völker zu verstehen,geschweige denn sie für staatliche Zwecke klug zu benutzen. Wie er dieGegenwart oft falsch sah, so fehlte ihm auch die Intuition für das Kom-mende. Wilhelm II. sah oft, leider sehr oft, falsch, recht falsch, aber erhatte Visionen, Zukunftsperspektiven, er hatte Geist. Wenn er sich bis-weilen zu schwungvoll gab, so war Kaiser Franz Josef ganz schwunglos.Es ginge vielleicht zu weit, zu sagen, er wäre gefühllos gewesen, aber erzeigte seine Empfindungen nur den allerwenigsten. Es ist ihm kaum jegelungen, in persönlicher Rücksprache, unter vier Augen, einen Gegner ineinen Freund zu verwandeln, einen Politiker einzufangen. Er war keinMenschen-, kein Seelenfänger, während Wilhelm II. mit dem unleugbarenZauber seines Wesens mehr als einen für sich gewonnen hat, der mitinnerem Widerstreben gegen die Pläne und Ideen des Monarchen zu ihmgekommen war. Im Gegensatz zu seinen österreichischen und namentlichseinen Wiener Untertanen fehlte Franz Josef I. jeder sentimentale Zug.Wie er stoisch eigene Schicksalsprüfungen trug — und welche Schicksals-schläge! persönlicher wie politischer Natur! — so war er auch für dieSchicksale und Leiden anderer unempfindlich und brachte es gegenüberden vom Unglück Betroffenen im besten Falle zu einigen ganz banalen,ganz konventionellen Worten. Wilhelm II. war ergreifend in seiner Teil-