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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE UNGARISCHEN GRAFEN

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Dreck, sei es Gold, das Fahrzeug zum Kentern bringen könnte. Die Parla-ments- und Adelsregierung, die in Ungarn das Heft in der Hand hielt,jagte dem Phantom der völligen Assimilierung oder Ausrottung der nicht-magyarischen Nationalitäten im Reich der Stefanskrone mit der Verblen-dung nach, von der keiner der ungarischen Staatsmänner, die nach Deäkund Andrässy von Einfluß waren, freigesprochen werden kann. Der größteunter ihnen war Graf Stefan Tisza , der, wenn er ebensoviel Maß besessenhätte wie Kraft, so viel Überlegung und Vorsicht wie glühende Vaterlands-hebe, zu den ganz großen Staatsmännern gerechnet worden wäre. Aber aucher opferte dem Gedanken der Durchführung der absoluten Vorherrschaftdes magyarischen Stammes jede andere Rücksicht und Erwägung. Tisza sollte dadurch seinem Lande schweren Schaden zufügen. Aber als ein Mann,der allezeit sich selbst treu blieb, ist er eine große geschichtliche Figur. Erwar der einzige der maßgebenden ungarischen und österreichischen Staats-männer, der gegen die unsinnige Politik war, die im Sommer 1914 mit demUltimatum eingeleitet wurde. Er stand einem ebenso wahnwitzigenSchritt, der Proklamierung der Unabhängigkeit Polens durch die Zentral-mächte, kühl gegenüber. Er war gegen übertriebene Annexionen, schonweil sie ihm für das Übergewicht der Magyaren im Gesamtstaat bedenklicherschienen. Mit eiserner Hand hielt er die Ordnung aufrecht. Als KaiserKarl, dem Graf Tisza schon als Nichtkatholik unsympathisch war, ihnbald nach seinem Regierungsantritt fortschickte, nachdem er schon einigeZeit vorher geäußert hatte, derkalvinische Papst" sei nun zum längstenim Amt gewesen, schallte der Doppelmonarchie und dem Hause Habsburg die Totenglocke, es stand die Uhr, der Zeiger fiel, es war die Zeit für sievorbei. Stefan Tisza überlebte nicht den Untergang seines Volkes. Er fielunter Mörderhand, furchtlos, wie er gelebt hatte.

Graf Gyula Andrässy Sohn und Graf Albert Apponyi waren in derBehandlung der Nationalitäten ebenso unverständig wie Tisza , besaßenaber nicht dessen Charakterstärke. Aber Apponyi war wohl die größteoratorische Begabung, die mir vorgekommen ist. Er sprach glänzend undin jeder Sprache gleich gut: auf Ungarisch, auf Deutsch, auf Englisch , aufFranzösisch, wahrscheinlich auch auf Italienisch und auf Lateinisch . Ersprach über jedes Thema, über Politik und über Musik, über Unterrichts-wesen und über Landwirtschaft. Er hatte aber das Unglück gehabt, viel-leicht gerade durch seine Vielseitigkeit, dem Kaiser Franz Josef zu miß-fallen. Dieser hatte ihm sein Mißfallen zu deutlich zu verstehen gegeben,und der empfindliche Apponyi war seitdem ein sehr gehässiger Gegnernicht nur des alten Kaisers, sondern auch des österreichisch-ungarischenAusgleichs von 1867 geworden. Auf der anderen Seite versäumte man inWien, den Grafen Albert Apponyi , der aus einem streng konservativen,

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