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LEPORELLO-LISTE DER REICHSKANZLERKANDIDATEN
solcher schweren Trauer fehlen auch den besten Freunden die Worte; ichwollte Ihnen aber doch sagen, daß ich Ihnen im Geiste warm die Handdrücke und mehr wie mancher andere zu ermessen weiß, was wir mitdiesem Tode verloren haben.
In alter Treue stets Ihr
Daß der Einfluß meines Bruders auf den Prinzen Wilhelm unbedingtgünstig gewesen ist, wage ich bei aller Liebe für den Mentor und aller An-erkennung für dessen große Eigenschaften nicht zu behaupten. Er hat inseinen Zögling manche seiner Eigenschaften und Schroffheiten eingepflanzt.Seine Stetigkeit, seinen Ernst und seine absolute Furchtlosigkeit hat ernicht auf ihn übertragen können. Kaiser Wilhelm II. hatte Großes mitmeinem Bruder Adolf im Sinn gehabt. Er dachte an ihn als künftigen Chefdes Militärkabinetts, auch als Chef des Generalstabs oder als Kriegsministerzumal mein Bruder eine nicht gewöhnliche Redegabe besaß. Er soll auchfür gewisse Fälle an ihn als möglichen Reichskanzler gedacht haben.
Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe,
Die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde,
Aufbaut auf dem betrüglichen Grunde ?
Mein Bruder Adolf hätte wohl nicht allen Aufgaben des höchsten Amtsim Deutschen Reich genügt, aber in schweren Stunden hätte er seinenMann gestanden. Lang ist die Liste, länger noch als die berühmte Leporello-Liste der von Don Juan verehrten Damen, aller derjenigen, an die Wil-helm II. im Laufe seiner Regierung für den Reichskanzlerposten gedachthat. Darunter befanden sich durchaus ernste und mögliche Kandidatenwie Graf Posadowsky, Freiherr von Marschall, Freiherr von Rheinbaben,der spätere Chef des Generalstabs Hellmuth von Moltke, Minister vonMiquel, Freiherr von Schorlemer, Graf Johann Bernstorff . Es befandensich darunter aber auch seltsame Ausgeburten einer allzu entzündlichenPhantasie. Bei der Hochzeit des Fürsten Hugo Radolin mit der GräfinJohanna Oppersdorff, die im Beisein des Kaisers in Ober-Glogau in Schle-sien stattfand, hielt der Bruder der Braut, Graf Hans Oppersdorff, derspäter von einer Partei zur anderen und schließlich zu den Polen überlief,eine mehr durch Begeisterung als durch sachlichen Inhalt hervorragendeRede auf den Kaiser. Als er seinen Toast beendet hatte, äußerte Wilhelm II. laut: „Der soll mal mein Reichskanzler werden." Das war 1892. Als michKönig Georg von Griechenland 1911 in Rom besuchte, erzählte er mir,Kaiser Wilhelm habe ihm bei einer Begegnung in Korfu , im SchloßAchilleion, auf den damaligen Gesandten in Athen , den Freiherrn von