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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER REDNER BISMARCK

die geläufigste Zunge nichts ohne klares Denken und einige Logik. Sie sindund bleiben die Vorbedingungen für jede dauernde Wirkung. Aber wennFaust meint, daß Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selbervortrügen, so dürfen wir ihm das nicht ohne weiteres glauben. Sein FamulusWagner, der trockne Schleicher, hat nicht ganz unrecht mit dem Einwurf,der Vortrag mache des Redners Glück. Ein matter, schleppender, ängst-licher Vortrag, insbesondere alles, was an Auswendiglernen erinnert, ver-dirbt die Wirkung. Einige Körnchen Geist, etwas Originalität sind wün-schenswert. ,,Tous les genres sont bons hors le genre ennuyeux." Nun ver-trägt ja der Deutsche unendlich viel Langeweile. Aber auch der gesinnungs-tüchtigste Sozialdemokrat würde, wie ich glaube, sich weigern, eine mehr-bändige Sammlung der Reden von August Rebel durchzulesen, weil sichimmer der gleiche flammende Zorn und dieselbe kochende Entrüstungwiederholen, immer die Gegenwart als Hölle, die Zukunft als Paradiesgeschüdert, immer die Menschheit in Wölfe und Lämmer eingeteilt wird,nie etwas wie Humor, Originalität, Witz aufblitzt, eine unermeßliche WüsteSahara mit einer Fata Morgana am Horizont. Wie anders Bismarck ! SeineReden sind noch heute, von den ersten Reden, die der junge Bismarck vonseinem junkerlichen Standpunkt aus im Vereinigten Landtag und imErfurter Parlament hielt, bis zu den gewaltigen Reden, die der entamteteBismarck auf dem Marktplatz in Jena und vom Balkon des schlichtenHauses im Sachsenwalde an die Nation richtete, eine Fundgrube ewigerGedanken, die über den Wechsel der Zeiten und über jede Parteischrankeerhaben sind, reich an Bildern, an geistvollen Einfällen, an schlagendenVergleichen, die, der Natur, dem Leben entnommen, sich für immer demGedächtnis einprägen. Wie anders als Bebel selbst Ferdinand Lassalle ! Unddoch stand August Bebel nicht tiefer unter Lassalle, als etwa Scheidemann unter Bebel steht, wie ich mich noch am Ende meiner amtlichen Laufbahnim Reichstag de visu et de auditu überzeugen konnte. Und seit wir imrepubbkanischen Deutschland leben, höre ich von allen Seiten, daß,vergbchen mit den kommunistischen Führern, Scheidemann den Eindruckeines Gladstone oder Thiers mache. Nicht zu reden vom Leichenmüller,von Adolf Hoffmann, dessen prominente Stellung in seiner Partei vorzugs-weise auf der Unbefangenheit beruhte, mit der ermir" undmich" ver-wechselte, und ohne an Max Hölz zu denken, mit dem wir beim Zuchthausangelangt sind. Englische, französische und italienische Staatsmännerrechnen hohe Geistesbildung und womöglich wissenschaftliche und schrift-stellerische Auszeichnung zu ihren Ruhmestiteln. Ich brauche nur anDisraeli, Gladstone, Balfour, an Thiers, Guizot, Hanotaux, an MarcoMinghetti, Massimo d'AzegHo und Vincenzo Gioberti , Bonghi und Luzzattizu erinnern. Daß Bismarck sich gelegentlich über solche Typen, wenn sie