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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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LETZTES GESPRÄCH WILHELMS II. MIT BISMARCK

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Gefolge dem Fürsten Bismarck einen Besuch in Friedrichsruh ab. In mehr Der Kaiserals zynischer Weise meinte Lucanus, dem ich während der Fahrt von Kiel in Friedrichnach Friedrichsruh die Hoffnung aussprach, daß die Begegnung gut ver- ru ^laufen möge:Ach, der Kaiser will sich ja nur davon überzeugen, wie weitder Altersbrand beim Fürsten vorgeschritten und wann dessen Tod zuerwarten ist." Nach Empfang der Nachricht von dem ihm bevorstehendenkaiserlichen Besuch hatte Fürst Bismarck an den Kaiser das nachstehendeTelegramm gerichtet, das mich in seiner Einfachheit rührte:Dankbar fürdie hohe Ehre des kaiserlichen Besuchs, bitte ich Eure Majestät, die Mängelin der äußeren Erscheinung, die meine Krankheit mit sich bringt, huldvollentschuldigen zu wollen." Wir fanden den Fürsten bei unserem Eintrittin das bescheidene Friedrichsruher Haus in der Tat im Rollstuhl. Geistigfand ich ihn unverändert. Der Kaiser saß neben der Gräfin Rantzau, dereinzigen Tochter des Fürsten , ich neben dieser, der Fürst uns gegenüber.Er lenkte vom ersten Augenblick an die Unterredung, die er auf ernsteGegenstände zu bringen sich bemühte. Der Kaiser wich mit einer micherbitternden Absichtlichkeit jedem politischen Thema aus und fing keinender Bälle auf, die ihm der greise Fürst in fast graziöser Weise hinwarf. DerFürst sprach von seiner Tätigkeit als preußischer Gesandter am Hofe desKaisers Napoleon III. , 1862. Kaiser Napoleon, erzählte er mit seiner feinen,leisen Stimme, habegnädiges Vertrauen" zu ihm gehabt und ihn einmalgefragt, wie er über Ministerverantwortlichkeit, persönliches Regiment,die Vorzüge des einen oder anderen Regierungssystems denke. Er habe demKaiser geantwortet, das persönliche Regiment habe manche Annehmlich-keiten, lasse sich aber nur aufrechterhalten, solange der Monarch seinerGarde sicher und diese völlig imstande ist, Ordnung und Gehorsam gegen-über allen möglichen Zwischenfällen aufrechtzuerhalten. Wo eine solcheabsolute Sicherheit nicht vorhanden wäre, empfehle es sich für die Krone,die Minister als Matratze zwischen sich und jede Art von Opposition zuschieben, damit sie etwaige Stöße auffingen und abschwächten. Der Kaiserhörte nur zerstreut zu und erzählte seinerseits einige alte Kasernenwitze,die seit vielen Jahren bei jedem Liebesmahl in Potsdam mit demselbenGelächter begrüßt wurden. Auch während der Unterredung nach Tisch ver-mied der Kaiser jeden intimeren Gedankenaustausch mit dem FürstenBismarck . Als der Kaiser, verhältnismäßig früh, aufbrach, wurde der Roll-stuhl des Fürsten in ein anderes Zimmer geschoben, damit wir uns alle ver-abschieden konnten. Der Fürst drückte den meisten freundlich die Hand.Als sich Lucanus vor ihm verneigte, sah er über ihn weg, als ob er Luft wäre.Mir reichte er die Hand mit den Worten:Gehen Sie mit Gott !" Es war dasletztemal, daß ich ihn sah und seine Stimme hörte.

Am 5. Januar 1898 veröffentlichte derReichsanzeiger" den Inhalt des

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