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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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HELLMUTH MOLTKES BITTERKEIT

erzählte mir gelegentlich, die Kaiserin Friedrich habe ihm einige Monatenach der Thronbesteigung ihres Sohnes gesagt:Wenn Sie jemals an-nehmen sollten, daß für meinen Sohn andere Motive maßgebend seinkönnten als rein persönliche Zwecke und vor allem als persönliche Eigen-liebe, so werden Sie sich im Irrtum befinden." Mit betrübtem Gesicht fügteder alte Feldmarschall hinzu:Leider hatte sie recht."

Als Beweis, wie menschlich, gütig und herzlich andererseits derselbeFürst sein konnte, möge ein kleiner Zug dienen. Unser Gesandter in Kopen-hagen , Herr von Kiderlen, hatte berichtet, der damals schon fast achtzig-jährige König Christian IX. von Dänemark habe ihm bei einem Hofdinernacheinigen schmeichelhaften Äußerungen" über mich gesagt:Ich mußden Staatssekretär von Bülow als Knaben bei seinem Vater gesehen haben;das war ein bedeutender Mann und Charakter, leider hat man in Dänemark seinerzeit gar nicht auf ihn gehört, und als man immer nichts hören wollte,ging er schließlich fort, zunächst nach Mecklenburg-Strelitz ; da, scheintes, ging es mit dem Großherzog nicht, und dann kam er nach Berlin ; icherinnere mich noch, wie ich den alten Kaiser Wilhelm kurz nach dem Todedes Herrn von Bülow sah und mir der Kaiser vorklagte, daß er einen ganzunersetzlichen Verlust erlitten habe, sowohl in dem Minister als in derPersönlichkeit." Als dieser Bericht Seiner Majestät vorgelegt wurde,schrieb Wilhelm II. ad marginem:Das Urteil ist vollkommen zutreffendund sehr herzbeh und wohltuend für den Sohn des trefflichen Mannes."

Die Frage, ob Wilhelm II. Herz habe, ist oft erörtert worden, auch in derZeit seines Glücks und seiner Macht, und sie wurde sehr verschieden beant-wortet. Ich entsinne mich eines merkwürdigen Gesprächs aus meiner Beichs-kanzlerzeit über diesen Punkt. An einem Abend, wo meine Frau ein Kon-zert oder die Oper besuchte, lud ich mir den damaligen Minister des Innern,Theobald von Bethmann Hollweg, und den General Hellmuth von Moltkezum Abendessen ein. Wir waren ä trois. Die Bede kam, wie häufig, auf denKaiser, und es wurde die Fage aufgeworfen, ob er Herz habe. Ich bejahtesie mit Überzeugung und Entschiedenheit, wie ich dies noch heute tunwürde. General von Moltke widersprach mir ebenso bestimmt: Wilhelm II. sei viel zu selbstsüchtig, um Herz zu haben; jedenfalls zu wetterwendisch,als daß auf sein Herz irgendwelcher Verlaß wäre. An dieser Ansicht hat Hell-muth von Moltke bis zu seinem Ende festgehalten. Bei einem Besuch, dener mir wenige Tage vor seinem plötzlichen Tode machte, sprach er mitBitterkeit davon, daß, sobald Fortuna sich von ihm abgewandt habe, auchder Kaiser ihm den Bücken gekehrt hätte. Der Kaiser schiebe alle Schuldfür den unglücklichen Anfang des Krieges auf ihn, kümmere sich übrigenskaum noch um ihn und habe ihm zu seinem letzten Geburtstag statt desgewohnten, fast überschwenglich herzHchen Glückwunsches nur einige