DIE FLÖTE IM EUROPÄISCHEN KONZERT
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und gewolltem Nachdruck umgrenzte ich schon 1897 unsere Orientpolitik*.Wir würden keine Ziele verfolgen, auch nicht etwa an uns zu richtendenAnträgen Folge geben, die nicht in den Rahmen „unserer vorsichtigen undreservierten Orientpolitik" paßten. Ich bediente mich hierbei eines Bildesaus der mir, der ich leider ganz unmusikalisch bin, sonst fernliegendenmusikalischen Welt. Es sei nicht nötig, daß in einem Konzert und auch imeuropäischen Konzert jeder dasselbe Instrument spiele. Der eine schlügedie Trommel, der andere stoße in die Trompete, ein dritter hielte die großePauke in der Hand. Wir Wiesen in Konstantinopel nur die Flöte diploma-tischer Einwirkung und Überredung. Pressionen machten wir nicht mit;wenn Streit entstünde, träten wir ruhig beiseite, wenn Differenzen lautwürden, legten wir die Flöte still auf den Tisch und verließen den Konzert-saal. Das entspräche unserer Uninteressiertheit in orientalischen Dingen.An dieser Politik der Vorsicht und Zurückhaltung in allen Balkan -, Orient-und Mittelmeerfragen habe ich bis zu meinem Rücktritt festgehalten und esnamentlich sorgsam vermieden, mir auf diesem glatten, an Fallstricken,Schlingen und Löchern reichen Terrain von Österreich-Ungarn das Leitseilumwerfen zu lassen. Das gilt ganz besonders auch von der bosnischen Krisisvon 1908/09, wo ich dafür sorgte, daß Deutschland die Führung in der Handbehielt, weder Österreich preisgab noch sich von Österreich in einen Kriegmit Rußland verwickeln ließ.
Als ich mich im Februar 1898 über Absichten und Schranken unsererauswärtigen Politik ausgesprochen hatte, schrieb mir Großherzog Fried- Brief desrieh von Baden am 16. Februar 1898: „Wertgeschätzter Staatsminister von Großherzog!Bülow! Es hegt mir am Herzen, Ihnen auszusprechen, mit welch freudiger •P" e( ' rlc ' 1Teilnahme ich Ihre öffentliche Wirksamkeit in der Zeit verfolgte, da Sieim Reichstag die Politik der Reichsregierung darlegten. Recht von Herzenbeglückwünsche ich Sie zu den Erfolgen, die Sie dadurch in weiten Kreisenerlangten. Sie haben nicht nur großes Vertrauen erworben, sondern auchder Nation geholfen, Vertrauen zu sich selbst wiederzugewinnen. Das istein erfreulicher Erfolg, aus dem noch manche weitere Frucht reifen kann.Schon nach den ersten Eindrücken aus der Presse, die Ihnen so viele Hul-digungen brachte, wollte ich Ihnen meinen Glückwunsch sagen. Ich warteteaber, um auch die ausländische Presse zu vernehmen, und da fand ich bisin die letzten Tage so viele Besprechungen Ihrer politischen Reden, daß ichdieselben verfolgte und mich weiter orientieren wollte. Überall fand ichnur lebhafte Anerkennung und steigende Zunahme eines erneuten Ver-trauens in die Reichspolitik. Nun sind meine Glückwünsche noch wärmerund inniger, denn das ist ein Erfolg, mit dem Sie dem Vaterlande einen sehr
* Fürst von Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 24ff.; Kleine Ausgabe I, S. 50ff.