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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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LEKTÜRE AN BORD

viel leichter, als sich die Leute einbilden. Mit etwas Grips und einer gutenVeranlagung wird man schon damit fertig." Ich habe in meinem Lebenund namentlich seit dem Umsturz von 1918 mehr als einen Politiker ge-sehen, der auf seinem Betätigungsfelde ebenso dachte wie der wackereGeneral von Loen auf dem Frankfurter Exerzierplatz.

Gräfin Therese Brockdorff, die Tochter dieses Generals von Loen, warin ihrer Jugend sehr schön gewesen und sah noch in reiferen Jahren gut aus.Sie hielt sich der Politik fern, oder sie wollte sich wenigstens nicht in Politikeinmischen. Aber bei ihrem lebhaften Temperament wirkte sie doch nachMöglichkeit auf ihre hohe Gebieterin im Sinne ihrer eigenen politischenÜberzeugungen ein, und diese waren konservativ, agrarisch und strengevangelisch. In letzterer Hinsicht wurde sie an Eifer noch von der GräfinMathilde Keller übertroffen, deren Schwager Graf Wintzingerode langeVorsitzender des Evangelischen Bundes war. Anläßlich der von mir vor-geschlagenen Aufhebung des Artikels 2 des Jesuitengesetzes suchte GrafWintzingerode im Frühjahr 1904 eine Unterredung mit mir nach, in der ermir erregt darüber klagte, daß in bisher rein protestantischen Orten wieStettin und Kiel katholische Kirchen gebaut würden. Ich begnügte mich,ihm zu erwidern:So bauen Sie neben jede neue katholische zwei neueevangelische Kirchen." Gräfin Therese Brockdorff war sehr mit mir einver-standen, als ich durch Zoll- und Handelsverträge die Landwirtschaftschützte. Während der Blockperiode aber hatte ich, wenigstens politisch,ihre Freundschaft eingebüßt, und als ich für die Erbschaftssteuer eintrat,meinte sie mit schmerzlichem Ausdruck, ich lege die Axt an Thron undAltar. Alle Hofdamen waren wie Ihre Majestät selbst sehr antienglisch.

Inzwischen trug uns die weißeHohenzollern" am Monte Gargano Seefahrt vorbei, an Zante, der Blume der Levante, an Kythera , dem Lieblingssitzder goldenen Aphrodite. Sie trug uns durch das Aegäische Meer , dessenInseln die Brücke gebildet hatten, auf der vor mehr als dreitausend Jahrendie phönizische und kleinasiatische Kultur nach Griechenland und Europa kam. Von Ioniern besiedelt wurden die Zykladen und Sporaden, die thrazi-schen Inseln nacheinander von Athen und Sparta, von Mazedonien undRom , von Byzanz und von Venedig, endlich von den Osmanen beherrscht,und jetzt führte ein deutsches Schiff den Deutschen Kaiser an ihnen vorbeinach der einstigen Residenz des Kaisers Konstantin und des SultansSoliman. Um uns die auf Seereisen immer recht lange Zeit zu verkürzen,las uns der Kaiser die Beschreibung einer Palästinareise vor. Ich weiß nicht,welcher Kobold gerade diese Reisebeschreibung Seiner Majestät in die Handgespielt hatte, denn sie war in ausgesprochen rationalistischem Geiste ge-halten. Die Kaiserin und ihre Damen saßen wie auf Kohlen, wagten aberkeinen lauten Widerspruch. Wilhelm II. hatte in seiner Jugend oft darüber