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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SCHNELL DANKTELEGRAMM AN DEN SULTAN

Die Huldigungen, der Bevölkerung, die Aufmerksamkeiten aller Behör-den, die Überzeugung, in den Türken und darüber hinaus in allen Beken-nern des Islams wahre Freunde und Verehrer zu besitzen, waren in Wil-helm II. so lebendig, daß er sich fast täglich gedrungen fühlte, dem Sultanseine Freude und Dankbarkeit telegraphisch auszusprechen. Ich hatte dieAufgabe, diese Telegramme aufzusetzen, in die doch eine gewisse Abwechs-lung gebracht werden mußte, so daß ich nach und nach alle Ausdrücke undWendungen der französischen Sprache für die Begriffe Anerkennung, Ver-gnügen und Erkenntlichkeit erschöpfte. Wenn der Ruf Seiner Majestätertönte, und das war ununterbrochen der Fall:Dies war das Schönste,was wir noch erlebt haben! Bülow, ein Danktelegramm an den Sultan!",so nahm ich den Bleistift zur Hand und ersann eine neue Variante. MeinFreund Knesebeck sagte zu mir:Es gibt Briefsteller für Liebende. Dusolltest einen Briefsteller für freundschaftlichen Verkehr mit einem Sultanwährend einer Orientreise schreiben."

Während Wilhelm II. in vollen Zügen die großartige Natur und diepittoresken Menschen des Orients genoß, seine Farbenpracht, die großenErinnerungen und weiten Horizonte, resümierte Herr von Lucanus, Hai-berstadts nüchterner Sohn, seine Eindrücke in einem Telegramm an seinein Potsdam zurückgebliebene Gattin, in dem es hieß:Bin den Rummelsatt. Sehne mich nach Dir und Hasenbraten mit Rotkohl." Er las diesenpoetischen Gefühlsausbruch unserer Reisegesellschaft vor, zu deren großerErheiterung, natürlich in Abwesenheit Seiner Majestät.