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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SÜDDEUTSCHE HÖFE

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von Schaumburg-Lippe und des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld gegen-einander abgewogen. Der Kaiser wurde einen Augenblick stutzig, als ichihm vorhielt, daß es dem preußischen Interesse nicht entspreche, die Kin-der einer Gräfin Wartensleben für unebenbürtig zu erklären, wo die FamilieWartensleben der Monarchie viele und treffliche Offiziere und Beamte ge-stellt hätte und wo überhaupt der sogenannte kleine Adel für die Nationauf allen Gebieten viel mehr geleistet habe als alle Mediatisierten und dieMehrzahl der kleinen Fürstenhäuser zusammen. Der Kaiser kam immerwieder darauf zurück, daß es nicht an der öffentlichen Meinung, der Presseoder gar am Reichstag sei, Sukzessionsfragen zu entscheiden, die zu regelnausschließlich Sache der deutschen Fürsten wäre. Er werde sich auf derRückreise durch Deutschland bemühen, die Fürsten für seine Anschau-ungen und Pläne in dieser Richtung zu gewinnen.

Wir passierten bald darauf die süddeutschen Hauptstädte. Überallbenutzte der Kaiser den 10 bis 15 Minuten langen Aufenthalt, um die ReiseFürsten und Minister, die ihn erwarteten, für seinen Standpunkt in der durch Süd-Lippischen Frage zu erwärmen. Sie alle, insbesondere der Prinzregent von DeutschlandBayern und der König von Württemberg , erwiderten, daß sie gegen dieAnsicht ihrer Minister und ohne Anhörung ihrer Kammern nichts machenkönnten. Nichts wurmte den Kaiser mehr, als wenn Fürsten sich außer-stande erklärten, den Widerstand ihrer Volksvertretungen oder ihrerMinister zu überwinden. Er sah darin eine Art Untreue gegen das von Gott dem Fürsten übertragene Amt, für das dieser, wie Wilhelm II. ja auchöffentlich ausgeführt hatte, nur dem Allmächtigen, keinem Menschen sonstverantwortlich wäre. An dieser Uberzeugung hat Kaiser Wilhelm bis andas Ende seiner Regierung festgehalten. Als ein der deutschen Sprachemächtiger römischer Prälat im Frühjahr 1915 vom Kaiser im Schloß Pleß empfangen wurde, richtete Seine Majestät scharfe Angriffe gegen* KönigVictor Emanuel von Italien, der kurz vorher Österreich den Krieg hatteerklären lassen. Als der Monsignore darauf hinwies, daß der König vonItalien kaum anders habe handeln können, da das Ministerium Salandra-Sonnino auf der Kriegserklärung an Österreich bestanden hätte, bestrittder Kaiser mit Vehemenz diese Auffassung. Beim Jüngsten Gericht, führteder Kaiser aus, werde König Victor Emanuel nicht damit durchkommen,daß er die Verantwortung für die Kriegserklärung auf seine Minister ab-schiebe. Der liebe Gott werde dann zu ihm sagen:Ne, Männeken, damitkommst du bei mir nicht durch! Wer hat dich zum König gemacht ? DeineMinister ? Dein Parlament ? Ich allein habe dich zu dieser Stellung erhoben,mir allein bist du verantwortlich, herunter mit dir in die Hölle oder wenig-stens ins Fegefeuer." Der römische Prälat war nicht wenig konsterniert obdieser etwas anthropomorphistischen Betrachtungweise Seiner Majestät.