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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER STURMVOGEL

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mancherlei politische und wirtschaftliche Interessen durchkreuzen, sondernwo auch das nationale Empfinden mitgesprochen hat, mit ruhigerÜberlegung und mit kaltem Blut behandelt werden müssen."*

Das spanisch-amerikanische Gewitter war vorbeigezogen, ohne daßunsere Fluren geschädigt oder unsere Interessen verletzt worden wären. CetilAber schon ballten sich über Südafrika neue Wolken zusammen. Das Jahr In Be1899 brachte den seit lange latenten Konflikt zwischen den Burenrepublikenin Südafrika und dem englischen Weltreich zumAusbruch. Wieder Sturm-vogel dem Unwetter vorauszieht, so erschien im März 1899 Cecil Bhodesin Berlin . Sein Besuch galt ostentativ der Legung einer englischen Tele-graphenlinie durch unser ostafrikanisches Schutzgebiet. Er wurde am11. März 1899 vom Kaiser empfangen, dem sein Besuch augenscheinlichin erster Linie galt und der ihn nach der Audienz zur Mittagstafel einlud,der ich beiwohnte. Cecil Rhodes mußte auf jeden Unbefangenen einenbedeutenden Eindruck machen. An ihm war nichts Pose, alles ruhigeStärke. Er gab sich natürlich, in keiner Weise gespreizt. Er stand dem Kaiserehrerbietig gegenüber, aber ohne Aufregung oder gar Befangenheit. Inbreiten Zügen entwickelte er Seiner Majestät das Projekt einer englischenKap-Kairo-Bahn. Die Augen des Kaisers leuchteten, denn jeder groß an-gelegte Plan in jedem Erdteil entflammte seine Phantasie und entzückteseinen für alles Ungewöhnliche empfänglichen Sinn. Diese schönen undausdrucksvollen Augen leuchteten in noch hellerem Glanz, als Cecil Rhodes der Ansicht Ausdruck gab, daß Deutschland zwar in Afrika keine lebens-wichtigen Interessen besäße, dafür aber in Kleinasien schadlos gehaltenwerden sollte. Mesopotamien, der Euphrat und der Tigris, Bagdad , dieKalifenstadt, dort läge seine Zukunft. Ich hatte Seine Majestät gebeten,sich gegenüber Cecil Rhodes um so mehr auf Anhören und Zuhören zubeschränken, als dieser, wie mir der englische Botschafter ausdrücklicherklärt hatte, nur im eigenen Namen spräche, ohne Auftrag seiner Re-gierung. Wir müßten uns vorläufig also freie Hand wahren. Aber der Wunsch,einem Engländer, und nun gar einem hervorragenden Engländer, zu impo-nieren, riß den Kaiser zu einem langen, geist- und gedankenreichen, sehrglänzenden Vortrag hin, in dem er seine Gefühle, Ansichten und Pläneüber die Weltlage im allgemeinen und über Amerika und Japan, Rußland ,Italien, Osterreich, über die Dardanellen und den Suezkanal, die Donau und den Jangtsekiang , sein ganzes Programm für die deutsche auswärtigePolitik entwickelte. Als die Tafel aufgehoben war, glaubte Wilhelm IL,der unaufhörlich peroriert und Cecil Rhodes kaum zu Worte hatte kommenlassen, auf diesen einen gewaltigen Eindruck gemacht zu haben. Cecil Rhodes

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 72; Kleine Ausgabe I, S. 82.

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