DIE ANGST DER KAISERIN
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den Sonderzug setzte, der ihn nach dem Neuen Palais zurückführen sollte,in heftigen Worten den Kopf. Seitdem wurde Miquel noch unsicherer. Seinintimer Freund, der freikonservative Abgeordnete Freiherr Oktavio vonZedlitz, der in Parlamentskreisen wegen seines Hangs zur Intrige der„Helldunkle" hieß, ließ sich mit dem unzuverlässigen, aus Wien nach Berlin verpflanzten Leibj ournalisten von Miquel, Herrn Viktor Schweinburg, zuallerlei Quertreibereien hinreißen, und nach heftigen Debatten siegten imAbgeordnetenhaus die von dem Grafen Limburg-Stirum und Graf Bal-les trem, einem Konservativen und einem Zentrumsmann, geführtenKanalgegner.
Die Erregung des Kaisers über diesen Schlag, den er, wie gewöhnlich, alsgegen sich persönlich gerichtet auffaßte, war groß. Er bombardierte mich, Der Siegder ich als Staatssekretär des Äußeren damals mit der Kanalvorlage nicht der Kanal-Aas mindeste zu tun hatte, mit Telegrammen en clair, die von Injurien re ^ e ^ mnamentlich gegen Stirum strotzten. Die Kaiserin, die als treue Gattin imallgemeinen nicht nur die Nöte und Sorgen, sondern auch alle Gefühle ihresMannes teilte, aber in diesem Falle, da sie mit ihrem Herzen politisch rechtsorientiert war, unter dem Zorn des Kaisers gegen die Konservativen litt,schrieb mir aus Wilhelmshöhe am 18. August 1899: „In meiner Angstkomme ich zu Ihnen. Gestern abend mußte ich den Kaiser in großer Auf-regung und Betrübnis leider abreisen lassen, nach Metz und Saint-Privat.Diese unglückselige Kanalvorlage! Wenn Sonnabend auch eine ungünstigeEntscheidung fällt, weiß ich nicht, was passiert. Ach, könnten Sie demKaiser nicht einen etwas beruhigenden Brief schreiben? Es ist wirklichnötig! Ich bin sehr unglücklich, nicht bei ihm jetzt sein zu können. DerArzt wollte das viele Reisen durchaus nicht für meinen Fuß, außerdem habeich hier ein krankes Kind, meinen kleinen Oskar. Ach, es ist ein schlimmerSommer gewesen. Gott helfe weiter. Ihre herzlich ergebene Viktoria."
Schon im April 1899 hatte der Kaiser an den Minister des Innern, Herrnvon der Recke , ein Telegramm gerichtet, das diesen anwies, den Landrätenim Abgeordnetenhaus mit „Kassation" zu drohen und mit Abbruch derpersönlichen Beziehungen zu Seiner Majestät, wenn sie nicht für die Kanal-vorlage stimmten. Graf Limburg-Stirum sollte wegen seiner Oppositiongegen die Kanalvorlage aus der Liste der Geheimräte gestrichen werden.„Den von den konservativen Parteien in grenzenloser Borniertheit undjunkerhaftem Ubermut Mir hingeworfenen Fehdehandschuh werde Ichaufnehmen." Nicht ohne Grund klagte mir, der ich in Fragen der innerenPolitik noch nicht in der Feuerlinie stand, der Finanzminister Miqueldamals darüber, wie sehr ihm seine Stellung in der Kanalfrage durch dieUnmöglichkeit erschwert werde, Seiner Majestät klarzumachen, daß dieKonservativen als Partei nicht bloße Vollstrecker des königlichen Willens