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DIE STÜTZEN VON THRON UND ALTAR
sein könnten, da sie sonst jeden Boden in der Wählerschaft verHeren wür-den. „Der Kaiser", äußerte Miquel in dieser Zeit gelegentlich mir gegen-über, „ist bei großer und vielseitiger Begabung politisch farbenblind." Eingeniales Wort, das mir häufig wieder eingefallen ist, und auch ein richtigesWort. Um so größer freilich, um so schwerer die Verantwortung der Rat-geber Seiner Majestät. Als im Laufe des Sommers die Aussichten für dieKanalvorlage immer ungünstiger wurden und sie schließlich abgelehntwurde, telegraphierte mir der Kaiser im August 1899: „Krasse Dummheitist, mit bösem Willen gepaart, durch einen Judenjungen ausgenutzt. Ichbin entschlossen, die Partei durch schwere gesellschaftliche Strafenmeinen Zorn fühlen zu lassen und sie so zu zwingen, das Werk doch zumachen. Keine Auflösung, worauf Zentrum und Freisinn gehofft. AberAusschluß der Limburger und Genossen aus der Gesellschaft." Im Sep-tember 1899 folgte das nachstehende kaiserliche Telegramm an mich:„Die traditionellen Stützen von Thron und Altar, die von jeher vom könig-lichen Hause verzogen worden sind, haben sich gegen den Herrn gewandt,und das unter Führung des Judenabkömmlings Limburg . Lassen Sie IhrePreßhunde alle los und schmettern Sie mit Keulenschlägen auf die Parteiherunter." Graf Limburg-Stirum , der langjährige Führer der Konser-vativen in Preußen , war der Sohn eines niederländischen Edelmanns ausaltem Geschlecht und einer Israelitin. Die von mir schon einmal zitierte,ein wenig derbe Äußerung des Fürsten Bismarck, daß die Paarung zwischeneinem germanischen Hengst und einer semitischen Stute bisweilen guteResultate ergäbe, traf auf Graf Stirum zu. Er hatte von väterlicher SeiteErnst, Zähigkeit und Arbeitskraft, von mütterlicher einen scharfen undklaren Verstand geerbt. In den Jahren nach dem Sturz des Fürsten Bis-marck, wo sich so viele von ihm abwandten, stand Graf Limburg-Stirumtreu zu dem Alten im Sachsenwalde. Das führte während der Ära Caprivizu einem ebenso überflüssigen wie törichten Disziplinarverfahren gegenStirum, der als Gesandter z. D. in einem Zeitungsartikel gegen die Caprivi-Marschaflschen Handelsverträge Stellung genommen hatte. Der biedereCaprivi, der diesen Fall vom Standpunkt militärischer Disziplin beurteilte,war von Holstein aufgehetzt worden, der Stirum nicht mochte. Da GrafStirum gleichzeitig vom Kaiser bei verschiedenen Gelegenheiten geschnittenund brüskiert worden war, so mochte seine Stimmung gegenüber SeinerMajestät allmählich bitter geworden sein. Sein politisches Urteil wurde aber,wie ich hervorheben muß, durch diese Erlebnisse nicht beeinflußt. Er warein weniger geschickter Parteiführer im engeren Sinne des Wortes als seinNachfolger Heydebrand, er sprach weniger schlagfertig und oratorischnicht wirksam, schon weil er wegen chronischer Heiserkeit mit gedämpfterStimme redete. Aber sein Horizont war weiter als der seines Nachfolgers,