GEGEN DIE RÄDELSFÜHRER
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er hatte mehr Verständnis für die Wechselbeziehungen zwischen innererund äußerer Politik, und vor allem stand ihm die Staatsräson über demParteiinteresse. Er war nicht umsonst durch die Bismarcksche Schulegegangen. Die Ausfälle des Kaisers gegen seine jüdische Abstammungwaren übrigens um so verwunderlicher, als Wilhelm II. in keiner WeiseAntisemit war. Generelle Abneigung gegen Juden und Judentum lag seinerNatur und Art gänzlich fern. Er stand auch in persönlich freundschaft-lichen Beziehungen zu vielen markanten Israeliten, wie Albert Balün,Emil Rathenau, Eduard Arnhold, Paul von Schwabach, Robert von Men-delssohn und manchen anderen treff liehen Männern. Natürlich habe ichmich gehütet, die Weisung hinsichtlich der „Preßhunde" auszuführen,sondern im Gegenteil auf eine ruhige Behandlung des Kanalstreits in derPresse tunlichst hingewirkt.
Trotz seines Zornes gegen die Kanalgegner wollte Wilhelm II. von einerAuflösung des Abgeordnetenhauses nichts wissen, obwohl Fürst Hohenlohe,der den preußischen Konservativen ein wenig mit der aus Hoffart undMangel an Verständnis gemischten Abneigung gegenüberstand, die dersüddeutsche Standesherr bisweilen gegen den norddeutschen Junker emp-findet, auf die Auflösung hinarbeitete, in der Hoffnung, damit zu einerliberalen Mehrheit in Preußen zu kommen. Aber gerade die letztere Mög-lichkeit war dem Kaiser doch unsympathisch, und so hielt er denn an dasversammelte Staatsministerium eine Ansprache, in der er, originell wie sooft, die ganze Angelegenheit nach militärischen Gesichtspunkten beurteilte.Wenn ein Regiment rebelliere, führte Seine Majestät etwa aus, so würde esdeshalb nicht aufgelöst, denn das wäre ein Schaden für die Armee und un-dankbar gegenüber den früheren Meriten des betreffenden Truppenteils. Aberdie Rädelsführer würden vor die Front gestellt und erschossen. Nach dieserAnalogie müßten jetzt alle Beamten, insbesondere die Landräte, die imAbgeordnetenhaus gegen die Kanalvorlage gestimmt hätten, abgesetztwerden. Mit Ausnahme des Fürsten Hohenlohe waren alle Minister gegeneine solche Lösung. Miquel sah voraus, daß sie die konservativen Kreisesehr erbittern würde, aber er zog sie noch immer der Auflösung vor, vonder er eine größere Schwächung seines Einflusses und seiner Positionbefürchtete. So wurde eine große Anzahl biederer Landräte, darunter einige,die schon Jahrzehnte, getragen von dem Vertrauen aller Eingesessenen, ihreKreise verwalteten, als „Kanalrebellen" zur Disposition gestellt. Unterdiesen „Rebellen" befanden sich freilich verschiedene Herren, die, wie derkünftige Statthalter von Elsaß-Lothringen, Herr von Dallwitz, der künf-tige Oberpräsident von Westpreußen , Herr von Jagow, und mehrere andere,sich später wieder in der vollen Gnade Seiner Majestät sonnen durften.Wenn das Ausscheiden der Landräte den Kaiser wenig berührt hatte, so