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gesprochen, daß man ihm deutscherseits gelegentlich der Anwesenheit EurerMajestät in England mit unerfüllbaren Zumutungen kommen werde. Um sogrößeren Eindruck wird es ihm machen, wenn Eure Majestät nicht denWunsch aussprechen, ihn in besonderer Audienz zu empfangen, sondern ihnbei gelegentlicher Begegnung in Windsor oder Osborne mit unanfechtbarerHöflichkeit, aber mit alltägbchen Redensarten, Erkundigung nach demBefinden seiner Frau u. dgl., in ziemlich kurz bemessener Frist abspeisen.Daß Lord Salisburys guter Wille heute keine notwendige Voraussetzungerfolgreicher Verhandlungen mehr ist, beweist das Samoa-Abkommen, zudem er wider seinen Willen durch die von uns ausgenutzte politische Kon-junktur und durch Herrn Chamberlain hingedrängt worden ist. DieselbeZurückhaltung bei größter Liebenswürdigkeit in der Form empfiehlt sichHerrn Chamberlain gegenüber, wenn auch aus einem ganz verschiedenenGrunde. Herr Chamberlain wird die Lage brüskieren und Eure Majestätallerdings auch gegen nennenswerte Konzessionen seinerseits, stante pedezu festen Versprechungen mit gegen Rußland gerichteter Spitze drängenwollen. Wenn Eure Majestät Herrn Chamberlain, falls er nicht zu dämpfenist, höflich anhören und ihm dann erwidern, daß die Anregung ernste Er-wägung verdient und Eure Majestät ihr give your füll attention werden,zweifle ich nicht, daß die Gegenleistungen, mit welchen Herr Chamberlaindie diplomatische Mitwirkung Deutschlands und sogar schon dessen festeNeutralität zu bezahlen bereit ist, in demselben Maße sich steigern werden,wie Eure Majestät ruhigen Gleichmut und Mangel an Empressement er-kennen lassen. Nachdem die Sondierungen der Minister ergebnislos ge-bheben sind, wird wahrscheinheh S. K. H. der Prinz von Wales oder vielleichtauch Ihre Majestät die Königin Allerhöchstselbst die Frage berühren, wound wie etwa Deutschland und England würden politisch zusammenwirkenkönnen. Gerade hier würde es dann, nach meinem alleruntertänigstenDafürhalten, von weittragender Bedeutung für Deutschlands politischeZukunft sein, daß Eure Majestät sich auf gar nichts Positives einlassen,keinerlei Einblick in Allerhöchstdero eigene Pläne gestatten und sich ledig-lich darauf beschränken, den Gedanken zu variieren: Bei der heutigen Lageist meine Neutralität für die Zwecke der englischen Politik genügend, unddiese Neutralität besteht ja zur Zeit als allgemein erkennbare Tatsache.Gewiß kann die politische Lage sich von einem zum anderen Tage ver-schieben, und ich kann mir Fälle denken, wo Deutschland und England esihren respektiven Interessen entsprechend erachten, der Gleichartigkeitihrer Interessen einen entschiedeneren Ausdruck zu geben; ein solcher Fallhegt aber heut nicht vor. Aus dieser Äußerung Eurer Majestät wird man inEngland ersehen, daß Eure Majestät nicht beabsichtigen, Sich auf den erstenWink hin anzubieten, sondern daß man den ersten Schritt tun und mehr