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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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JOE CHAMBERLAIN

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Commons erblickte, hatte Disraeli von dem jungen Chamberlain gesagt,er trage sein Monokelwie ein gentleman". Aus solchem Munde war dasein hohes und wirksames Lob. Im deutschen Reichstag würde, bei unsererNeigung zu jenerRuppigkeit", für die andere Sprachen kaum einenadäquaten Ausdruck besitzen, das hohe Haus und die Galerie Chamberlainnach seinem Äußeren für einenGigerl" oder einenFatzke" erklärt undals solchen belächelt oder verhöhnt haben. Die Unterschätzung des Scheinsund aller Äußerlichkeiten, zu welcher dersachliche" undernste"Deutsche neigt und die, an und für sich preiswürdig, doch oft in Formlosig-keit ausartet, hat zur Entfremdung zwischen Engländern und Deutschennicht unerheblich beigetragen. Nicht lange vor dem Ausbruch des Kriegesmeinte ein sehr maßgebender Engländer:A big German fleet and the badGerman manners are more than we can stand." Chamberlain war der Sohneines Londoner Schuhmachers, der den kleinen Joe, der zuerst Schuster-lehrling war, später zu seinem Schwager nach Birmingham schickte, wo erin dessen Schraubenfabrik eintrat. Auch Lloyd George ist der Sohn einesehrsamen Schusters, aus Wales . Es liegt etwas darin, daß die stolzesteAristokratie der Welt die Leitung der Geschäfte des Landes dem IsraelitenDisraeli und den Schustersöhnen Chamberlain und Lloyd George anver-traute. Aber auch darin liegt etwas, daß die beiden Handwerkersöhne wieder Jude von dem brennenden Wunsche beseelt waren, sich nicht nur durchunerschütterlichen Patriotismus und ausgesprochen nationale Gesinnungund Haltung, sondern ebenso durch Wesen und Manieren der Aristokratiedes Landes zu assimilieren. Es gibt keine demokratischere Aristokratie alsdie englische, aber auch keine aristokratischere Demokratie. Beide, Cham-berlain und Lloyd George , waren wie viele und hervorragende engbschePolitiker, namentlich unter den Liberalen und Radikalen, Dissenters, d. h.Angehörige von Sekten, die sich, wie die Methodisten, Quäker, Baptisten,Presbyterianer, weniger in der Lehre als in der Verfassung und in der Ord-nung des Gottesdienstes von der Staatskirche getrennt haben.

Im Gespräch machte Chamberlain den Eindruck eines klugen, energi-schen, listigen, unter Umständen rücksichtslosen Geschäftsmannes, dernoch mehr als andere seiner Landsleute alles ausschließlich vom Standpunktder englischen Politik betrachtete und behandelte. Auch darin ganz Eng-länder, daß er nur auf das ihm nächstliegende Ziel, also in diesem Falleden Gewinn des von ihm angezettelten Burenkrieges losging, überzeugt,daß alles andere sich später so oder so finden würde. Er fing damit an, mirmit Lebhaftigkeit und großer Offenheit seine Anschauungen und Pläne aus-einanderzusetzen. Sein Ideal wäre ein Zusammengehen zwischen England ,Amerika und Deutschland . Diese Gruppierung würde die Welt beherrschen.Sie würde das barbarische Rußland in seine Schranken zurückweisen und