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DAS VERSCHIEDENE RISIKO
das turbulente Frankreich zur Ruhe zwingen. Ich entgegnete ebenso offen,daß eine solche Gruppierung — Mr. Chamberlain hatte nicht das WortAllianz gebraucht, und ich wollte es nicht vor ihm in denMund nehmen —meines Erachtens unter zwei Voraussetzungen möglich wäre. Einmal dürftedas Zusammengehen zwischen den genannten drei Mächten keine direkteSpitze gegen Rußland tragen. Chamberlain meinte, es läge im Interesse derganzen Welt, die russischen Expansionspläne einzudämmen. Ich setzte ihmauseinander, daß Deutschland sich gegenüber Rußland in einer anderen,prekäreren Lage befände als England. Wir grenzten an Rußland, England sei durch die See geschützt und ein russisches Vorgehen gegen Indienschwerer auszuführen als ein russischer Vorstoß gegen Königsberg und selbstgegen Berlin. Bei so verschiedenem Risiko müßten wir jedenfalls von Eng-land Bürgschaften und genau umschriebene Garantien und Sicherungenfür den Fall kriegerischer Verwicklungen erhalten. Die zweite Voraussetzungfür das, wie ich wiederholt betonte, nicht nur von mir persönlich, sondernauch vom Reichskanzler Hohenlohe und von Kaiser Wilhelm lebhaft ge-wünschte, möglichst freundschaftliche und enge Zusammengehen mitEngland wäre, daß letzteres, namentlich solange der Burenkrieg dauere,Rücksicht auf unsere öffentliche Meinung nähme und alles unterlasse, wassie zu sehr irritieren könnte. Mr. Chamberlain meinte in höflichem Ton,aber in der Sache nicht ohne englischen Hochmut, in Deutschland gäbe esja gar keine öffentliche Meinung. Das deutsche Volk empfinde so, wie seineRegierung dies wünsche. Der Kaiser habe dem Prinzen von Wales , alsdieser ihm seine Anerkennung dafür ausgesprochen habe, daß er trotzdes Burentaumels in Deutschland nach England gekommen wäre, miteiner energischen Handbewegung erwidert: „I am the sole master ofGerman policy, and my country must follow me, wherever I go." DerKaiser sage jedem, der es hören wolle, er selbst sei die deutsche öffentlicheMeinung, und die Deutschen dächten so, wie er wünsche, daß sie dächten.Ich kannte den Kaiser zu gut, um nicht zu wissen, daß, wenn er sich auchso kraß wohl nicht ausgedrückt hatte, er doch dazu neigte, vor Fremdenund namentlich vor Engländern sich das Ansehen zu geben, als ob er ä laLouis XIV. sagen könnte: „L'Etat c'est moi."
Ich machte dem englischen Kolonialminister klar, daß wir in Deutsch-land zwar keine so geschulte öffentliche Meinung hätten, wie es die englischewäre, wir hätten kein so altes öffentliches Leben, unser auf vielen Gebietenreich begabtes Volk, das der Menschheit größere Werte geschenkt hätte alsirgendein anderes Volk seit den Griechen, wäre für Philosophie, Kunst undWissenschaft begabter als für die eigentliche Politik. Aber mit der öffent-bchen Meinung müsse auch in Deutschland jede Regierung, mit ihr müsseauch der Kaiser rechnen, wenn er nicht unangenehme Erfahrungen