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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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BALFOUR

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zu

Chamberla

machen wolle. Es sei vom Kaiser ein Beweis nicht nur politischer Einsicht,sondern auch politischer Charakterstärke gewesen, daß er trotz der inDeutschland wie in allen anderen Ländern und namentlich in Frankreich herrschenden Sympathie für die Buren gerade jetzt die Reise nach England unternommen habe. Ich würde allen Angriffen gegen diese Reise wie gegenunsere für England durchaus freundliche Politik im Reichstag und anderswounentwegt entgegentreten. Aber Zwischenfälle, die unnötig in Deutschland gegen England reizen könnten, müßten gerade jetzt vermieden werden.Wir kämen nur zum Ziel, wenn das deutsche Volk und die deutsche öffent-liche Meinung nicht in brüsker Weise, sondern allmählich, suaviter in modo,mit den Vorteilen einer deutsch -englischen Verständigung und weiterenund intimen Annäherung vertraut gemacht würde.

Diese Unterredung zwischen Chamberlain und mir wurde in freund-lichstem Tone geführt. Kaiser Wilhelm hatte schon nach dem Bankett vom Wilhelm I. 21. November mit Mr. Chamberlain eine längere Unterredung gehabt. Aufdie Bemerkung des Kolonialministers, daß er eine generelle Verständigungzwischen Deutschland, England und Amerika wünsche, hatte der Kaisererwidert, ein solches allgemeines Zusammengehen habe für beide Teileseine Bedenken. Während es den englischen Traditionen nicht entspräche,formale Bündnisse abzuschließen, seien Deutschland durch seine vortreff-lichen Beziehungen zu Rußland , wenigstens bis auf weiteres, bestimmtepolitische Grenzen gezogen. Es gäbe jedoch eine Menge Punkte, über welchesich Deutschland und England von Fall zu Fall verständigen könnten.Beide Länder sollten weiter den bereits in zwei Fällen mit Vorteil einge-schlagenen Weg besonderer Abmachungen (Agreements) verfolgen. DerKaiser fügte hinzu, daß es im englischen Interesse Hege, den nun einmalempfindlichen, rechthaberischen und eher sentimental angelegten Deutschen mit Vorsicht zu behandeln, ihn auch nicht ungeduldig zu machen, sondernihm selbst in Kleinigkeiten guten Willen zu zeigen. Der Deutsche seitouchy"; je mehr dies von englischer Seite berücksichtigt würde, um soaützlicher für das Verhältnis zwischen beiden Ländern. Mr. B a 1 f o u r und derKriegsminister Lord Lans downe, die ich später sah, drängten weniger zueinem engeren Anschluß als Mr. Chamberlain. Beide standen dem Gedankeneiner generellen deutsch -englischen Allianz offenbar weit kühler gegenüber.Balfour erschien mir als Typus eines vornehmen englischen Staatsmannes.Aus altem schottischem Geschlecht, durch seine Mutter, die der FamilieCecil entstammte, die England große Parlamentarier und Minister gegebenhat, war er ein Neffe des Premierministers SaHsbury. In Eton erzogen,Student in Cambridge , schon in jungen Jahren ein durch Geist und Witzausgezeichnetes Mitglied des Unterhauses, nachdem er schon mit zwölfJahren seine erste Rede auf einem Meeting in East-Lothian gehalten hatte,