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SALISBURYS NEFFE
machte Mr. Balfour im Gespräch den Eindruck eines vielseitig gebildetenMannes. Es klang nicht unwahrscheinlich, wenn ihm ästhetische Neigungennachgesagt wurden, Vorliebe für präraffaelitische Maler und HändeischeOratorien, auch Neigung zu einer philosophischen Betrachtungsweise derMenschen und Dinge. Und doch wäre nichts irreführender, als nach irgend-einer Ähnlichkeit zwischen Arthur James Balfour und Theobald vonBethmann Hollweg zu suchen. Philosophische Spekulationen haben Balfournie die Klarheit des politischen Blicks getrübt, ästhetische Liebhabereiennicht die Energie seines Willens gelähmt. Während uns Bethmann Hollwegin den Weltkrieg hineinstolpern ließ, als Vorsicht und Umsicht dies ver-hindern konnte, dann aber, als im entbrannten Kampf nur Kraft und Ener-gie uns zu retten vermochten, den Krieg politisch schwächlich führte, warBalfour im Frieden ein behutsamer, im Krieg ein entschlossener Ministerseines Landes. Während Bethmann Polen wiederherstellte und damit einender gröbsten Fehler der preußisch-deutschen Geschichte beging, meisterteBalfour als Staatssekretär für Irland die rebellische „grüne Insel" miteiserner Hand. Sein politisches Urteil war abgewogen, ruhig und verständig.Er schien ein Zusammengehen von England und Deutschland auf-Gespräch richtig zu wünschen, obwohl er selbst mich darauf aufmerksam machte,Bülows mit c | a ß em solches bei der starken Konkurrenz, die wir der englischen IndustrieBalfour un( j ^ em en gii scnen Handel machten, schwieriger wäre als ein Zusammen-gehen Englands mit Frankreich, das kaum noch ein ernsthafter Rivale fürEngland sei. Als ich dem Neffen und Vertrauten von Lord Salisbury sagte,unsere Wünsche gegenüber England wären mehr negativer als positiverNatur, wir hätten kein besonderes Anliegen an England, wie stellten keinespeziellen Zumutungen an England, aber wir hätten den Wunsch, daßzwischen Deutschland und England weder Mißverständnisse noch Frik-tionen noch unnötige Herausforderungen stattfinden möchten, meinteMr. Balfour, es gäbe keinen englischen Staatsmann, der diesem Programmnicht freudig beipflichten würde. In England bestünde gegenüber der deut-schen wirtschaftlichen Entfaltung kein so intensiver Neid, als viele Deutsche sich einbildeten. England sei zu stark, zu reich, habe auch gegenüber allenanderen Ländern seit langem wirtschaftlich einen zu bedeutenden Vor-sprung, als daß es die deutsche Konkurrenz ernstlich zu fürchten brauche.Das Afrika-Abkommen zwischen Deutschland und England sei ein sehrnützliches Arrangement, dessen Ausführung beiden Teilen zugute kommenwürde. Auch in Kleinasien werde England deutschen Unternehmungenkeine Schwierigkeiten in den Weg legen, insbesondere nicht hinsichtlichdes Ausbaus der Anatolischen Bahn. Dagegen klagte Mr. Balfour sehr leb-haft über die Haltung der deutschen Presse, die viel antienglischer sei alsdie englische Presse antideutsch. Ich wies meinerseits darauf hin, daß der