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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER GÄHNENDE HERZOG VON DEVONSHIRE

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sehr deutschfeindliche Times-Korrespondent in Berlin , Mr. Saunders, sichein Vergnügen daraus mache, auch aus den obskursten deutschen Blätternjede taktlose Äußerung über England herauszufischen und noch an dem-selben Tag dem englischen Publikum in zugespitzter Form zur Kenntniszu bringen. Mr. Balfour bestritt nicht die gehässig antideutsche Haltungdes leitenden englischen Blattes, erklärte sich aber bereit, wenigstens in derVertretung der Times in Berlin einen Wechsel herbeizuführen. Er sprachvon Frankreich im Tone mitleidiger Geringschätzung, bestritt das Vor-handensein unüberbrückbarer Gegensätze zwischen England und Rußland ,da Asien für beide groß genug wäre, zeigte sich jedoch besorgt wegen des,wie er glaube, nahe bevorstehenden Zerfalls der habsburgischen Monarchie.Er warf den Gedanken hin, daß in diesem Fall die Deutschösterreicher sichwohl an das Deutsche Reich anschließen würden. Ich entgegnete, daß diesim Effekt auf eine Rückkehr zu dem Status quo ante 1866 herauskommenwürde, für dessen Beseitigung Preußen einen blutigen Krieg geführt habe.Wir wünschten den Fortbestand der österreichisch-ungarischen Monarchie,schon weil sonst die ganze Balkanhalbinsel dem russischen Einfluß ver-fallen würde. Kaiser Wilhelm sagte an Balfour, den er am Abend des 22. No-vember empfing, daß er nicht alsbittender Vetter" in England erscheine,wohl aber herzlich und aufrichtig wünsche, ruhige, durch Zwischenfälleungestörte Beziehungen zum Britischen Reich aufrechtzuerhalten.

Lord Lansdowne galt für franzosenfreundlich, weil seine Mutter Franzö-sin war. Mir erschien seine Denkweise sachlich und verständig. Das englischeNationalgefühl ist übrigens viel zu stark und der englische Stolz zu groß,als daß irgendeine fremde Blutmischung, sei es von Seiten der Mutter, seies durch die Ehe, die Empfindungen eines Briten beeinträchtigen könnte.Der Herzog von Devonshire, der mir als alter Freund meiner Schwieger-mutter besonders liebenswürdig entgegentrat, war der wahre Typus desenglischen Grandseigneurs, dem seine Jagden und Pferde im Grunde wich-tiger sind als alle politischen Kombinationen, der aber doch Politik mitenglischem Common-sense betreibt und in der festen Überzeugung, die ausdem traditionellen Stolz des Engländers entspringt, daß England im letztenEnde allen anderen Mächten überlegen sei und nichts ernstlich zu fürchtenhabe. Als Beweis für den unerschütterlichen Gleichmut des Herzogs vonDevonshire erzählte mir König Eduard gelegentlich den nachstehendenkleinen Zug: Solange der Vater des Herzogs lebte, war der nachmaligeHerzog von Devonshire als Marquess of Hartington Führer der Whigs imUnterhause. Als solcher hielt er während einer langwierigen Diskussioneine gleichfalls sehr langweilige Rede, im Laufe derer er plötzlich tief zugähnen anfing.Er gähnte über seine eigene Langeweile", meinte derkünftige König Eduard hierzu,aber nachdem er sich ausgegähnt hatte.