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DIE ANGLISIERTEN GOSCHENS
setzte er seine Rede mit vollkommener Ruhe fort." Der Marquess of Harting-ton war ein großer Sportsmann und liebte die Fuchsjagden. In der Jagd-saison erschien er einmal zu einer Frühsitzung des Unterhauses im rotenJagdfrack und weißen Rreeches, da er sich von der Sitzung direkt zumMeet begeben wollte. Um die tadellose Reinheit seiner mit Kreide sorgsamgeweißten Rreeches nicht zu gefährden, hatte er sich von seinem Kammer-diener eine große weiße Schürze vorbinden lassen, und in diesem Anzugnahm er seinen Platz auf der vordersten Rank seiner Partei ein. Man denkesich Eugen Richter oder Herrn Friedrich Payer in diesem Anzug an derSpitze der liberalen Partei des Deutschen Reichstags, um den ganzen Unter-schied zwischen englischer und deutscher Mentalität und deutschem undenglischem Parlamentarismus zu ermessen.
Im Gegensatz zu diesem echten englischen Aristokraten erinnerte michG. J. Goschen Mr. Goschen in seiner klugen Retriebsamkeit mehr an einen höherendeutschen Reamten. Er führte dieselben Vornamen — Georg Joachim —wie sein Großvater, der Leipziger Ruchhändler und Verleger von Goetheund Wieland, hatte aber den zu deutsch klingenden Zunamen Göschenin Goschen umgewandelt und gab sich als Vollblut-Engländer. Man rühmteihm nach, daß er als Erster Lord der Admiralität mehr für die englischeFlotte getan habe als irgendeiner seiner Vorgänger. Nach der wenig glück-lichen Krüger-Depesche von 1895 hatte Goschen im englischen UnterhauseKaiser Wilhelm II. scharf und sehr von oben herunter die Leviten gelesen.Zu den großen politischen Eigenschaften der Engländer gehört auch dieGabe, Fremde und Fremdes aufzusaugen. Die Teck (Cambridge) und Hohen-lohe (Gleichen), die Rentincks und Rarings, die Goschens und Runsenswurden schon in der zweiten Generation ganz zu Engländern. Auch dieFranzosen besitzen die Fähigkeit, Ausländer zu assimilieren. Der Marechalde Saxe und der Marechal Rantzau, Kellermann und Luckner, Ney,Kleber und Rapp glänzen in der französischen Kriegsgeschichte. Zu denvertrautesten Mitarbeitern und Freunden von Gambetta gehörten derRadener Spuller und die in Frankfurt a. M. geborenen Rrüder Joseph undSalomon Reinach . Der Kabinettschef Clemenceaus im Weltkrieg war dergleichfalls aus Deutschland stammende Mandel, der ursprünglich Roth-schild hieß. Goethe sagt irgendwo, die Kraft einer Sprache zeige sich nichtim Abstoßen, sondern im Verschlingen. Das gilt auch von Nationen. Derjüngere Rruder des Marineministers Goschen, der übrigens für seine Ver-dienste um die englische Flotte zum Viscount erhoben wurde, der Rt. Hon.Sir Edward Goschen, war vor dem Weltkrieg englischer Rotschafter inRerlin. Im Gespräch mit ihm sollte fünfzehn Jahre später, von allen gutenGeistern verlassen, Rethmann Hollweg das Wort vom Fetzen Papier prägen, das, wie vierundvierzig Jahre früher die Wendung Olliviers vom