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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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IM KLEINEN SALON DER QUEEN

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bei derKönigin

cceur leger" in seiner Wirkung einer verlorenen Schlacht glich. Zur Be-lohnung für die Schnelligkeit, mit der er diese gräßliche Entgleisung desdeutschen Kanzlers in einem nüchtern und ruhig gehaltenen Bericht zuPapier brachte und damit für alle Zukunft fixierte, wie ein Naturforschereinen von ihm aufgespießten seltenen Schmetterling sorgsam für dasMuseum konserviert, wurde Sir Edward Goschen kurz nachher zur Würdeeines Peers von England erhoben. Als der Weltkrieg ausbrach, war England an zwei der wichtigsten Posten, in Wien und Berlin , durch Botschafterdeutscher Abkunft vertreten. In Wien durch Bunsen, den Enkel einespreußischen Gesandten am englischen Hofe, in Berlin durch Goschen,dessen Großvater die erste Gesamtausgabe von Goethes, Wielands, Klop-stocks Werken und den Jugenddichtungen Schillers verlegt hat.

Am Tage nach meiner Ankunft in Windsor wurde ich von der KöniginVictoria inthe Queen's private closet", d. h. im kleinen Salon der Königin, Bülowempfangen. Sie ließ mich neben sich Platz nehmen und frug. mich in der in Audiensfreundlichsten Weise nach dem Befinden meiner Frau, die ihr während desBesuchs, den die Königin Victoria im Frühjahr 1888 ihrem sterbendenSchwiegersohn, dem Kaiser Friedrich, in Charlottenburg abgestattet hatte,von der Kaiserin Friedrich vorgestellt worden war. Echt englisch meinte dieKönigin, ihre älteste Tochter pflege zu sagen:Marie Bülow is my bestfriend on the continent." Der Maler Angeli hatte, als er das BUd derKönigin zu malen hatte, dem Oberhofmeister der Kaiserin Friedrich ,dem Grafen Götz von Seckendorff, mit Wiener Drolligkeit und mit derUnbefangenheit eines Künstlers gesagt, Ihre Majestät von Großbritannien und Irland schauen auswie ein Schwammerl". Für NichtÖsterreicherfüge ich hinzu, daßSchwammerl" soviel bedeutet wie Champignon . Abertrotz ihrer kleinen Figur hatte Königin Victoria in Erscheinung und Wesenetwas wahrhaft Königliches. Ich habe selten so viel Natürlichkeit, Einfach-heit und Würde in einer Persönlichkeit vereinigt gesehen wie in ihr. Siesaß damals schon zweiundsechzig Jahre auf dem Thron, den sie mit achtzehnJahren bestiegen hatte. Sie erzählt mir, daß bei ihrer Thronbesteigung meinGroßonkel Heinrich Bülow preußischer Gesandter in England gewesen sei,a most excellent man, dem sie sehr zugetan gewesen wäre. Sie frug nachdessen Witwe, meiner verstorbenen Großtante Gabriele von Bülow , derTochter von Wilhelm von Humboldt . In gütiger Weise fügte sie hinzu, daßder von ihr so hoch geschätzte Lord Beaconsfield in einem während desBerliner Kongresses an die Königin gerichteten Brief sowohl meine Elternals auch mich und einen Bruder von mir in freundlicher Weise erwähnthabe. Sie werde Weisung geben, daß mir Abschrift dieses Briefes zugestelltwürde. Der während des Berliner Kongresses am 4. Juli 1878 von dem Earlof Beaconsfield an Her Most Gracious Majesty gerichtete Brief lautete wie

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