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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE REGENTIN

folgt:I dined with the Minister of State, Bülow, a small party, aboutsixteen, An accomplished and apparcntly most amiable family. Bülowhimself attractive from his experience, highly courteous tho' naturalmanners; his wife, lively and well informed, and two or three sons at table,who I really think were the bestlooking, the best-dressed and the best-mannered young gentlemen I ever met. They were all in the army, but shehas seven sons, equally engaging it is said*." Mein von Disraeh erwähnterBruder war der infolge eines Sturzes mit dem Pferde 1897 verstorbeneGeneral Adolf Bülow .

Die Königin kam dann auf Politik zu sprechen. Ohne auf Einzelheiteneinzugehen, sagte sie mir mit offenbar vollkommener Aufrichtigkeit, sie seistets in Ubereinstimmung mit ihrem unvergeßlichen Gemahl für Freund-schaft und ,,good-understanding" zwischen Deutschland und England ge-wesen. Mißverständnisse zwischen beiden wären sehr traurig, wirklicheFeindschaft. ja gar nicht denkbar, denn beide seien gute, zivilisierte,christliche, protestantische Völker. Die Königin schien präokkupiert durchdie überaus gehässige Sprache der deutschen Presse gegenüber England anläßlich des Burenkrieges. Sie meinte, es sei nicht gut, den Engländer zusehr durch Presseangriffe zu reizen. Der Engländer sei langsam und indo-lent, wenn er aber, namentlich von der Presse seines deutschen Vetters, zusehr und, wie er glaube, zu ungerecht getadelt würde, könnte er schließlichdie Geduld verHeren. Die Königin drückte mir ihr lebhaftes Bedauern dar-über aus, daß ich Lord Salisbury nicht sehen könnte, der ein hervorragenderStaatsmann wäre. Chamberlain nannte sie nicht.

Als Königin Victoria mich empfing, blickte sie nicht nur auf eine unge-wöhnlich lange, sondern auch auf eine ungewöhnlich glänzende und erfolg-reiche Regierung zurück, eine der erfolgreichsten Regierungen der Welt-geschichte. Wer ihre Korrespondenz und die von ihr angeregte Lebens-beschreibung ihres Gemahls, des Prinzen Albert, best, muß mit Bewunde-rung auf so viel Pflichttreue und auf so ausgesprochenen Takt blicken. Siehatte einen starken Willen und bei aller äußeren Bescheidenheit ein be-rechtigtes, aber ungemein hohes Selbstgefühl, ohne daß sie je versucht hätte,sich über die Schranken der englischen Verfassung und der englischenTradition hinwegzusetzen. Sie hatte eine große Vorliebe für Disraeli undeine starke Abneigung gegen Gladstone. Aber wenn die parlamentarischeLage es erforderte, entließ sie Disraeli und ernannte Gladstone zum leiten-den Minister. In ihrem Hause war sie umgeben von der zärtlichsten Liebe,von der Ehrerbietung und dem blinden Gehorsam ihrer ganzen Familie.

* Der mir von der Königin übersandte Brief ist abgedruckt inThe life of BenjaminDisraeli, Earl of Beaconsfield", by George Buckle (London , John Murray, Albemarle StreetW. 1920. Volume VI. 18761881, S. 331).