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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE AHNFRAU

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Wenn sie in Osborne weilte, pflegten sich ihre Töchter und Schwiegersöhnewährend des Vormittags nicht ohne Aufregung zu fragen, ob und für wie-viele Stunden sie die Erlaubnis erhalten würden, mit der Royal YachtVictoria and Albert" spazierenzufahren. Als König Karl von Rumänien nach fast dreißigjähriger Regierung der Königin Victoria in Windsor einenBesuch abstattete, erfreute ihn Ihre Majestät, der seine kluge und dabei ab-geklärte Weise mit Recht gefiel, durch zwei große Beweise ihrer Huld.Sie verlieh ihm den Hosenbandorden, den von Nichtengländern außerdirekten Nachkommen des englischen Souveräns nur gekrönte Häuptererhalten können, und sie übergab ihm einen kleinen Schlüssel für das Mauso-leum ihres verstorbenen Gemahls, des Prinzen Albert, mit der Erlaubnis,dort eine Stunde zu verweilen. Die letztere Auszeichnung erschien derKönigin als die größere.

Die Königin würde nie für einen politischen Vortrag einen Ministerhaben warten lassen. Aber bei einem großen Staatsdiner für das Diplo-matische Korps war sie einmal eine halbe Stunde zu spät gekommen, weilsie vorher eine Nurse ihrer Enkelin, der Erbprinzessin Charlotte von Mei-ningen, empfangen wollte, um von ihr zu hören, weshalb sie entlassenworden wäre. Bei der freiwilligen Selbstbeherrschung, die sie sich als kon-stitutionelle Herrscherin auferlegte, reichte der Blick der Frau oder vielmehrder Ahnfrau, denn sie war allmählich Urgroßmutter geworden, in jedeKinderstube ihrer zahlreichen Nachkommenschaft. Sie war gütig und ohnePose, aber sie forderte immer und unter allen Umständen die korrektestenFormen. In der Nähe von Windsor befindet sich ein stattliches, vergoldetesDenkmal eines englischen Königs aus dem Hause Hannover, das von jeder-mannthe coppered horse" genannt wird. Als einmal ein deutscher Diplo-mat, der bei der Königin zu Tisch geladen war, erzählte, er habe einen Spazier-gang zu demcoppered horse" unternommen, meinte die Königin streng:Sie wollen sagen, daß Sie einen Spaziergang zu dem Denkmal des verewig-ten Königs Georg III. unternommen haben." Die Königin sprach ebensogutDeutsch wie Englisch. Ihr Sohn, der nachmahge König Eduard VII. , sprachDeutsch mit einem bis zu einem gewissen Grade gewollten englischen Akzent.Ihr Enkel, König Georg V., sprach kaum noch Deutsch . Die Königin hattenoch neben ihrem englischen Chaplain einen deutschen Hofprediger, inter-essierte sich auch für deutsche Schulen und Wohltätigkeitsanstalten wiefür alle deutschen Erinnerungen. Alles das verschwand mit ihrem Tode.

Unser Botschafter in London , Graf Paul Hat zfeldt, hatte nicht der An-kunft des Kaisers in England beiwohnen können, da sein Gesundheits- Unterredungzustand ihm die Reise unmöglich machte. Er hatte sich aber nach Windsor "«'* Hatzfeld !bringen lassen, wo er mich aufsuchte und eine längere Unterredung mit mirhatte, die er bei seinem leidenden Zustand nur mit Aufbietung großer, von

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