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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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RUSSLAND NÄHER BEI BERLIN ALS ENGLAND

mir bewunderter Energie führen konnte. Er erinnerte mich an jenen Diplo-maten des französischen Ancien regime, von dem es in den Memoiren einerZeitgenossin heißt:Crible d'infirmites et de maux, presque mourant,mais d'une indomptable energie et d'une parfaite lucidite." Hatzfeldt warPersona gratissima bei der Königin Victoria wie beim Prinzen von Wales und sehr geachtet von Salisbury . Die Königin hatte ihren Enkel vor unsererAnkunft telegraphisch ersucht, dear Count Hatzfeldt vom Erscheinen beiunserer Landung in England wie von allen Hoffesten zu dispensieren undüberhaupt jede Rücksicht auf dessen Gesundheitszustand zu nehmen, daalles geschehen müsse, damit dieser ausgezeichnete Mann (this most ex-cellent man) so lange als möglich auf seinem Posten bleibe. Hatzfeldt sprachmir zunächst sein Bedauern aus, daß ich nicht Lord Salisbury gesehenhätte, dessen Wille, so lange er im Amt bleibe, im letzten Ende maßgebendwäre. Mit Chamberlain müßten wir vorsichtig sein. Gerade jetzt, wo dieEngländer in Südafrika Schlappe über Schlappe erlitten hätten, die ihrenschließlichen Enderfolg nicht verhindern würden, aber die breiten Schichtenin England doch recht unangenehm berührten, hätte Chamberlain nur deneinen Gedanken, den Krieg gegen die Buren, mit dem er persönlich steheund falle, zu einem guten Abschluß zu bringen. Zu diesem Zwecke möchteer uns natürlich gegen Rußland und Frankreich vorschieben.Wir könnenihm das gar nicht übelnehmen", meinte Hatzfeldt ,aber wir dürfen unsnicht über eine gewisse Grenze vorschieben lassen, denn schließlich hegtRußland näher bei Berlin als England ."

Hatzfeldt war kein Gegner eines deutsch -englischen Bündnisses. Ersagte mir lächelnd, wenn ich ein solches auf annehmbarer Grundlagezustande brächte, würde er mir aufrichtig gratulieren, denn das sei selbstdem Fürsten Bismarck nicht gelungen. Es müsse aber ein Bündnissein, das uns wirkliche Sicherheiten böte, und das in doppelter Richtung:Einmal dürften wir uns nicht der Gefahr aussetzen, daß, im Falle wirin einen Krieg verwickelt würden, das englische Ministerium, das dieAllianz mit uns geschlossen hätte, zurückträte und seine Nachfolgerden Bündnisvertrag nicht anerkennten. Das sei in England immermöglich, wenn wir nicht von vornherein auch die Zustimmung von HerMajesty's most loyal Opposition erreichten. Ferner müsse ich mir über einsklar sein. Er, Hatzfeldt , schätze meine rednerische Begabung. Aber auchich würde schwerlich den Reichstag und das deutsche Volk für einen Ver-trag gewinnen, nach dem wir England zu Hilfe kommen müßten, sofern esin Indien oder in Kanada oder in irgendeiner anderen seiner zahlreichenKolonien und überseeischen Besitzungen angegriffen würde, während Eng-land Gewehr bei Fuß büebe, wenn die Russen gegen Österreich oder dieFranzosen gegen ItaUen vorgingen.