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Der Gesamteindruck, den ich aus meiner Unterredung mit Hatzfeldt empfing, war, daß er ein Bündnis mit England mit festen Sicherungen undungefähr gleichen Verpflichtungen für eine gute Sache, eine Allianz ohnesolche Garantien und Voraussetzungen für sehr gefährlich hielt. Hinsichtlichder allgemeinen Weltlage war er der Ansicht, daß wir unser Staatsschiffmit einer vorsichtigen und geschickten Politik an Klippen und Sandbänkenvorbeisteuern müßten, bis Wandlungen der europäischen Lage, die ja nieausblieben, eine bessere Fahrt in ruhigen Gewässern gestatteten. Erdrückte mir das Vertrauen aus, daß es mir gelingen würde, uns an derSzylla und Charybdis vorbeizubringen. Wir hätten jetzt nur ein primäresInteresse: den Frieden zu erhalten, denn die Zeit laufe für uns. Graf Hatz-feldt war erfreut, sich mündlich mit mir aussprechen zu können. Schrift-lich und selbst brieflich könne man nicht alles sagen, da sowohl der Kaiserwie „unser guter Holstein" nicht immer Maß hielten, gar zu impressionabelwären und bald in der einen, bald in der anderen Richtung über das Zielhinausschössen. Ich schiene, fügte er zu meiner Freude hinzu, gute Nervenund ein ruhiges Urteil von meinem Vater geerbt zu haben, zu dessen nächstenMitarbeitern er viele Jahre gehört hätte.
Die Verhandlungen über ein deutsch -englisches Bündnis habe ich auchspäter, als Reichskanzler, nach den gleichen Gesichtspunkten geführt, die Dfür mich als Staatssekretär maßgebend gewesen waren und welche die volle deBilligung des Fürsten Hohenlohe gefunden hatten. Wir mußten sicher sein, edaß das ganze Kabinett und vor allem der Premierminister bona fide undmit innerlicher Uberzeugung für ein solches Bündnis sich einsetzen würden.Wir mußten sogar wünschen, daß sich die Opposition, wenigstens im Prinzip,mit einer deutsch -englischen Allianz einverstanden erkläre. Denn andern-falls lag die Gefahr vor, daß sich England im Falle kriegerischer Verwick-lungen durch einen Kabinettswechsel der Fessel des Bündnisses entzog,sofern ihm dieses erwünscht oder bequem erschien. Wir mußten darauf be-stehen, daß, wenn wir die Einbeziehung der englischen Kolonien, insbe-sondere des Kaiserreichs Indien mit seinen dreihundert Millionen Ein-wohnern und seinen gegen Norden exponierten Grenzen, in das Bündniszugäben, England seinerseits einen Angriff der Russen gegen Österreich oder der Franzosen gegen Italien als Casus belli anerkennen würde. DemFürsten Hohenlohe war von Lord Salisbury mit Unrecht einseitige Vorliebefür Rußland nachgesagt worden. Eine so einseitige Betrachtungsweise lagdem Fürsten ebenso fern wie mir. Wie ich, schätzte auch er den Vorteilfreundschaftlicher Beziehungen zu England sehr hoch und betrachtete eingutes Verhältnis zu England seit dem Beginn unserer Flottenbauten alsdoppelt wünschenwert. Er erfreute sich übrigens der besonderen Zuneigungder Königin Victoria wie ihrer Tochter, der Kaiserin Friedrich . Ich habe