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NICHT OHNE ENGLISCHE BÜRGSCHAFTEN
selbst den eigenhändigen Kondolenzbrief gelesen, den die greise Königin,die selten zur Feder griff, an den Fürsten Chlodwig Hohenlohe nach demHeimgang seiner Gemahlin richtete und der in den herzlichsten Ausdrückenabgefaßt war. Aber Fürst Hohenlohe besaß in hohem Grade das, was Bis-marck die „Kavalierperspektive " nannte. Er betrachtete alles von hoherWarte. Bei seiner großen, damals schon mehr als fünfzigjährigen politischenPraxis, seiner Menschenkenntnis, seinem Flair und der ruhigen, etwasskeptischen, in politischen Angelegenheiten eiskalten Art, mit der erMenschen und Dinge betrachtete, irrte er selten in großen Fragen. MeinNachfolger als Staatssekretär des Auswärtigen Amts, der Freiherr vonRichthofen, und der Unterstaatssekretär Mühlberg waren nach ihrer ganzenVergangenheit wie nach ihrer politischen und wirtschaftlichen Einstellungnicht anti-, sondern probritisch. Beide waren liberal gerichtet, beide neigtenin wirtschaftlicher Beziehung so sehr zu manchesterlichen Gefühlen, daßsie während der Zolltarif kämpfe, bei aller pflichtschuldigen Obödienz undtrotz ihrer persönlichen Verehrung für mich, mir auf meinen agrarischenPfaden nur mit innerem Widerstreben folgten. Sie waren nicht so russen-feindlich wie Holstein, aber Vorliebe oder auch nur besondere Rücksicht-nahme auf Rußland lagen ihnen ganz fern. Trotzdem hielten beide, Richt-hofen und Mühlberg, ebenso wie Fürst Hohenlohe, ein Eingehen auf dieChamberlainschen Lockungen ohne feste Bürgschaften von englischer Seitefür höchst gefährlich. Lebhaft erinnere ich mich, daß ich an einem Vor-mittag einen Brief von Richthofen erhielt, der bei den Akten sein muß undin dem er mir etwa schrieb: Er habe eine schlaflose Nacht hinter sich.Er habe sich unablässig mit dem Chamberlain-Angebot beschäftigen müssen,mit seiner Tragweite für den weiteren Gang unserer Politik und die gesamteWeltlage. Er beschwöre mich, nicht ohne feste englische Bürgschaftenauf die Chamberlain-Vorschläge einzugehen.
In der handelspolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, die auch inpolitischen Fragen mitzusprechen hatte und gehört wurde, bestanden alteSympathien für England und für das Zusammengehen gerade mit England .Aber auch hier herrschten große Bedenken gegenüber der Art und Weise,wie Chamberlain uns den Lasso überzuwerfen suchte. Wenn ein persönlichmir nicht bekannter Dr. Fischer unter dem sensationellen Titel „Das großeNein des Herrn von Holstein" ein Buch geschrieben haben soll, um nachzu-weisen, daß der genannte Geheimrat Deutschland am Eintritt in das Para-dies der englischen Allianz verhindert hätte, wie einst der Cherub, der, ummit dem Buch Mose zu reden, mit einem bloßen, hauenden Schwert unserenUreltern Adam und Eva den Weg zum Baum des Lebens versperrte, sobeweist das nur, daß sonst gewiß kenntnisreiche und geistvolle Leute irrenkönnen, wenn sie über Menschen und Dinge schreiben, die sie nicht kennen.