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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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1899 UND 1914

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Holstein war, wie ich schon gelegentlich gesagt zu haben glaube, nicht anti-,sondern probritisch gerichtet, seit jeher und wie dies in seiner Art lag,hitzig, fast leidenschaftlich. Er war, obschon von Geburt ein pommerscherJunker, so antirussisch wie nur irgendein waschechter Liberaler. Aber aucher war gegen ein Eingehen auf die Chamberlainschen Vorschläge ohne festeBindung und Sicherung, hielt aber lange an der Hoffnung fest, daß solcheGarantien mit der Zeit zu erreichen sein würden. Das ganze AuswärtigeAmt, die politische wie die handelspolitische Abteilung, Holstein, Richt-hofen und Mühlberg, alle maßgebenden Instanzen wären wie Hohenloheund ich gern zu einem Vertrage mit England bereit gewesen, wenn uns dieunerläßlichen Bürgschaften gegeben wurden. Von unserer Seite geschahalles, um diese Garantien zu erreichen.

Wie würden sich die Ereignisse entwickelt haben, wenn wir um die Jahr-hundertwende Mr. Chamberlain gefolgt wären? Ich möchte mich als alterMann nicht in konjekturale Irrgänge verlieren, vor denen schon den jungenAttache mein guter Vater gewarnt hatte. Aber das darf ich wohl sagen: Ichneige der Ansicht zu, daß, wenn wir Chamberlains Lockungen folgten, esuns gegangen wäre wie Japan , nur mit dem wesentlichen Unterschied, daßeinmal Japan für Rußland ziemlich unangreifbar war, wir aber nicht.Andererseits hatte Japan im Kriegsfalle nur mit Rußland zu tun. Wirmußten damit rechnen, daß, wenn wir mit Rußland in Krieg gerieten, dieFranzosen uns in den Rücken fielen. Die Chassepots wären von selbst los-gegangen, wie uns Bismarck das oft genug gepredigt hatte. Und was endlichwohl die Hauptsache und das entscheidende Argument ist. Ohne auf dieChamberlainschen Lockungen hereinzufallen, haben wir noch 15 Jahre mitEngland im Frieden gelebt, und wir hätten noch länger mit ihm im Friedenleben können, wenn im Unheilssommer 1914 Berchtold und Bethmann nichtdurch die leichtfertige und dabei ungeschickte Behandlung einer Balkan-frage in den Krieg gestolpert wären. Der Weltkrieg ging auch nicht auseinem Zusammenstoß mit England hervor. Kaum ein Jahr vor dem Aus-bruch des Weltkrieges konnten ein Historiker von so abgewogenem Urteilwie Erich Mareks und ein Herrn von Bethmann Hollweg nahestehenderPublizist wie Hans Delbrück von dem erstaunlichen Umschwung sprechen,der sich in England zu unseren Gunsten allmählich vollzogen habe, ob-schon wir nicht auf die Chamberlainschen Propositionen hereingefallenwaren. Delbrück gab im November 1913, nach längerem Aufenthalt inEngland und sorgsamer Prüfung der dortigen Lage, der Verhältnisse wieder Stimmung, der Überzeugung Ausdruck, daß an den guten deutsch -englischen Beziehungen weder die wirtschaftliche Konkurrenz noch unsereSchiffsbauten etwas zu ändern vermöchten. Die Weltlage sei, soweit das Ver-hältnis zwischen uns und England in Betracht komme, durchaus erfreulich,