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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
Entstehung
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XXI. KAPITEL

Charakteristik Chamberlains Überblick über die englischen Bündnisverhandlungenund Gesamteindruck Briefe an Hohenlohe und Holstein, Bericht Hatzfeldts an denBeichskanzler Besuch in Sandringham Der Prinz von Wales, sein Verhältnis zuseinem Neffen Kaiser Wilhelm II. Lord Acton Abreise von England KaiserinFriedrich über die Kaiserreise nach England Begegnung mit den holländischen

Königinnen in Vlissingen

Wenn wir uns England gegenüber nicht weiter engagieren durften, alssich England uns gegenüber band, so war Mr. Chamberlain gegenüber Die Politikbesondere Vorsicht geboten. Es gab kaum einen englischen Staatsmann, Chambcrlauder sich in seiner politischen Laufbahn so oft gewandelt, der seinen Stand-punkt so häufig und so plötzlich geändert hatte, bei dem man so sehr aufÜberraschungen, auf ein unvermutetes Abspringen gefaßt sein mußte alsbei Joseph Chamberlain . Aus einem radikalen Demokraten wurde er einkonservativer Tory, aus einem Republikaner loyaler Monarchist, aus einemPazifisten ein Imperialist, aus einem begeisterten Freihändler und Anhängervon Bright und Cobden ein leidenschaftlicher Schutzzöllner. Vor Gladstonewar er für Homerule in Irland eingetreten, trennte sich aber von dem grandold man, als dieser eine Homerule-Vorlage einbrachte, und sprengte damitdie Liberalen, wie er später durch seine Wendung zum Schutzzoll die kon-servativ« Partei spalten sollte. Er hatte für die Unabhängigkeit der Burengeschwärmt und im Parlament wie in zahlreichen Meetings für sie gespro-chen, um dann mehr als irgendein anderer englischer Politiker zum Kriegmit den südafrikanischen Republiken zu treiben. Es gab kaum eine poli-tische Frage, in der er nicht wie jener Sigambrerkönig verbrannt hätte, waser früher anbetete, und angebetet, was er früher verbrannte. Und jededieser Wendungen verteidigte er unter dem Beifall der Mehrheit seinerLandsleute mit dem Argument, daß nicht er, sondern die Verhältnisse sichgeändert hätten.

Gegen die Chamberlainschen Lockungen sprach noch ein schwerwiegen-der Gesichtspunkt. Die zweifellos friedliche und im Rahmen der englischenInteressen ausgesprochen deutschfreundliche Königin Victoria stand 1899schon im achtzigsten Lebensjahr, nach menschlichem Ermessen war ihrnur noch eine kurze Regierungszeit gegeben. Ihr Nachfolger, der schon bei